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07:00 20.08.2013
Von Lara Eckstein
800 Tonnen Altpapier pro Tag: Steinbeis-Geschäftsführer Michael Söffge. Quelle: Lara Eckstein.
Glückstadt

Aus dem Schornstein der Steinbeis Papier GmbH in Glückstadt steigt weißer Rauch, drinnen rattern rund um die Uhr die Maschinen. Es ist heiß und laut. „Bei 45 Grad Celsius löst sich die Druckerfarbe am besten vom Altpapier“, ruft Geschäftsführer Michael Söffge durch den Lärm. 275000 Tonnen Papier produziert Steinbeis jährlich, unter anderem für Kataloge von Jack Wolfskin und Stiftung Warentest – ohne dass ein einziger Baum gefällt werden muss.

 Auf dem Hof stapeln sich riesige Altpapierberge. Bis zu 800 Tonnen werden hier täglich aufs Förderband geladen, gereinigt und zu einem Papier verarbeitet, das fast so weiß ist wie das Konkurrenzprodukt aus Holz. „Hochwertiges Recyclingpapier herzustellen ist kostenintensiv“, erklärt Söffge. Die Druckerschwärze auf dem Altpapier ist nicht für den Cradle-to-Cradle-Prozess gemacht und muss unter hohem Aufwand entfernt werden. „Wirtschaftlich ist das für uns nur rentabel, wenn wir den Produktionskreislauf perfektioniert haben,“ sagt Söffge. Mit den Abfallstoffen aus dem Recyclingprozess wird das firmeneigene Kraftwerk betrieben, mit der Abwärme der Maschinen das Verwaltungsgebäude geheizt. Den Begriff Müll gibt es nicht bei Cradle to Cradle: Alles geht zurück in die Wiege, als neuer Rohstoff.

 Anfang 2012 hat Steinbeis die gesamte Papierproduktion mit dem Siegel „C2C“ zertifizieren lassen. Vergeben wird dies von der Environmental Protection Encouragement Agency (EPEA), die der Chemiker Michael Braungart Ende der 80er-Jahre in Hamburg gegründet hat. Dort arbeitet sein Team aus 30 Wissenschaftlern an einer Wirtschaftsrevolution: Produkte sollen im Einklang mit der Natur entstehen, nicht auf deren Kosten. Sie sollen keine giftigen Chemikalien absondern, sondern die Luft reinigen oder den Boden düngen. Mehr Produktion und mehr Konsum wäre dann ein Engagement für die Umwelt.

 Die Forscher am EPEA haben bereits einen Teppichboden mit Feinstaubfilter entwickelt, eine Wandfarbe mit Bakterien, die die Luft reinigen, und eine umweltfreundliche Druckerfarbe. Noch sind solche Produkte nicht weit verbreitet. Doch in der Hamburger Denkfabrik, zwischen Cradle-to-Cradle-Bürostühlen und kompostierbaren Flaschenetiketten, wirkt die Vision zum Greifen nah. Braungarts Mitarbeiter sind Naturwissenschaftler und Weltverbesserer in einem. Nutzloses, Abfall also, soll es in Zukunft nicht mehr geben, erklärt die Biologin Dagmar Parusel. Ihr reicht es nicht, wenn eine Lkw-Plane noch als Fahrradtasche verwendet wird oder eine Plastikeinkaufstüte als Müllbeutel „Downcycling“ nennt die 49-Jährige das abfällig. „Der Kunststoff ist nicht biologisch abbaubar und voll schädlicher Weichmacher, Sondermüll quasi, der letztendlich verbrannt werden muss.“ Parusel und ihre Kollegen betrachten den gesamten Lebenszyklus eines Produkts, und überlegen dann, wie er zu einem in sich geschlossenen Kreislauf werden kann.

 Das Cradle-to-Cradle-Konzept unterscheidet zwischen einem technologischen und einem biologischen Kreislauf: Defekte oder ausrangierte Produkte werden in ihre Einzelteile zerlegt. Alles, was wiederverwertet werden kann, geht in den technischen Kreislauf und wird recycelt. Der Rest wird im biologischen Kreislauf kompostiert und dient als Pflanzendünger.

 Als Beratungsunternehmen entwickelt die EPEA Strategien für Unternehmen, die mit ihren Produkten Teil dieser Kreisläufe werden wollen. Auftraggeber sind Familienunternehmen wie Steinbeis, aber auch internationale Konzerne wie Triumph, Philips und Puma. Der Sportartikelhersteller hat gerade seine erste Cradle-to-Cradle-Kollektion auf den Markt gebracht. Wenn die Kunden ihre verschlissene Trainingsjacke und ausgelatschten Turnschuhe zurück in den Laden bringen, können sie wiederverwertet beziehungsweise kompostiert werden. Doch genau das ist der Knackpunkt: Die Rücknahme ist eine logistische Herausforderung und erst bei großen Mengen rentabel.

 Beim Altpapier funktioniert die Rückgabe schon recht gut. Steinbeis kauft den Rohstoff von schleswig-holsteinischen Kommunen. „Noch lieber wäre es uns, wenn wir das Altpapier direkt von unseren Kunden zurückbekommen würden“, sagt Michael Söffge. Michael Braungart plädiert dafür, nur noch die Dienstleistung zu verkaufen: die Möglichkeit zu drucken also; das Papier dafür leiht man sich vom Hersteller. Das funktioniert auch mit dem Recht auf Fernsehen, Wäsche waschen oder Auto fahren. Leihgesellschaft statt Wegwerfmentalität.

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