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Wissen Antarktis: Pläne für weltgrößtes Meeresschutzgebiet vorerst gescheitert
Nachrichten Wissen Antarktis: Pläne für weltgrößtes Meeresschutzgebiet vorerst gescheitert
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14:54 02.11.2018
Eine Weddellrobbe sonnt sich auf Meereis. Das Weddell-Meer nördlich der Antarktis blieb bislang weitgehend unangetastet, weil es zu großen Teilen ständig von Eis bedeckt ist. Quelle: Yonhap/YONHAP/dpa
Hobart

Die internationalen Bemühungen zum Schutz des Südpolarmeers nördlich der Antarktis haben einen Rückschlag erlitten. Bei einer Konferenz scheiterte am Freitag das Vorhaben, im bislang weitgehend unberührten Weddell-Meer das weltgrößte Meeresschutzgebiet einzurichten. Der von Deutschland 2016 erarbeitete Vorschlag umfasst eine Fläche von rund 1,8 Millionen Quadratkilometern, fünf Mal so groß wie die Bundesrepublik.

Nach Angaben von Teilnehmern der Konferenz lehnten Russland und China die Pläne ab. Auch Norwegen habe Vorbehalte geäußert. Damit wurde die notwendige Einstimmigkeit nicht erreicht. Im nächsten Jahr will die internationale Kommission zur Erhaltung der lebenden Meeresschätze der Antarktis (CCAMLR) erneut über den Vorschlag beraten.

Russland und China verfolgen eigene Interessen

„Wir werden nicht aufgeben, dafür ist das Anliegen zu wichtig“, sagte Stefan Hain, der als Meeresbiologe am Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut den Antrag mit ausgearbeitet hatte. Bis zur nächsten Entscheidung müssten Russland und China politisch zum Umlenken zu bewegt werden. „Im Moment überwiegen deren kommerziellen Interessen, sie haben großes Interesse an Fischerei in dem Gebiet“, sagte Hain.

Die CCAMLR trifft sich jedes Jahr in Hobart, der Hauptstadt der australischen Insel Tasmanien. Sie besteht derzeit aus 24 Mitgliedstaaten und der Europäischen Union. Sie ist zuständig für die Kontrolle der Fischerei und weist Schutzgebiete aus.

Besondere Vielfalt von 14.000 Arten

Das Weddell-Meer erstreckt sich südöstlich von Südamerika über eine Fläche von rund 2,8 Millionen Quadratkilometern. Damit ist es das größte der rund 14 Randmeere des Südlichen Ozeans am antarktischen Kontinent. Die Antarktis selbst ist internationales Gebiet. Zahlreiche Länder unterhalten dort Forschungsstationen. Im Antarktisvertrag wurde 1959 festgelegt, dass das Gebiet nur zu friedlichen Zwecken genutzt werden darf.

Laut den Experten des Alfred-Wegner-Instituts leben im Weddell-Meer circa 14.000 Tierarten. Die Forscher hatten Daten zusammengetragen, ausgewertet und lieferten damit das wissenschaftliche Fundament für den Vorstoß Deutschlands, der von der EU gestützt wurde.

Rückzugsraum für Kaiserpinguine, Robben und Wale

Die Meeresbiologen vergleichen die Artenvielfalt des Südpolarmeeres mit der von tropischen Riffen. Seit der britischen Segler James Weddell das Meer 1823 entdeckte, blieb das Gebiet fast unberührt. Das Weddell-Meer sei bisher von der kommerziellen Fischerei weitgehend verschont geblieben, weil große Teile ständig von Eis bedeckt sind. Laut den Forschern leben die Tiere hier unter extremen Lebensbedingungen, an die sich zum Teil über Jahrmillionen angepasst haben.

So wird ein Drittel aller Kaiserpinguine hier auf dem Meereis geboren. In Küstennähe brüten mehr als 300.000 Paare des Antarktischen Sturmvogels. Daneben haben die Wissenschaftler bisher sechs Robben- und zwölf Walarten im Weddell-Meer beobachtet. Seeelefanten, Antarktische Seebären, aber auch Blau-, Schwert-, Buckel- und Antarktische Zwergwale halten sich hier auf.

Eisdecke verhinderte bislang kommerziellen Fischfang

Bislang leben sie da noch, ohne von Fischfangflotten gestört zu werden. Erwartet werde jedoch, dass Fangflotten aufgrund des Klimawandels auf der Jagd nach Krill und Seehecht bald südlicher ziehen. In den Gebieten weiter nördlich werden derzeit jährlich Hunderttausende Tonnen Krill gefischt.

„Wir laufen Gefahr, eine der letzten unberührten Regionen des Ozeans zu verlieren“, kommentierte der World Wide Fund For Nature (WWF) die Entscheidung.

Greenpeace: „Verpasste Chance“

Auch die Umweltschützer von Greenpeace zeigten sich enttäuscht von der CCAMLR-Entscheidung: „Die Kommission hat heute die Chance verpasst, eine Antwort auf die drängenden Herausforderungen für den Schutz der Meere zu geben. Erderhitzung, Plastikmüll und Überfischung setzen den Ozeanen und ihren Bewohnern schwer zu. Ohne ausgedehnte Schutzgebiete, wie es im Weddell-Meer viele Regierungen und Millionen Menschen fordern, sind die Meere diesen Bedrohungen auf Dauer nicht gewachsen“, sagte Greenpeace-Meeresexperte Thilo Maack.

Nur mit solchen Rückzugsräumen lasse sich verhindern, dass sich das weltweite Artensterben unter Wasser nicht beschleunige. Im Frühjahr 2018 hatte die Umweltorganisation mit einer Schiffsexpedition und einer Studie auf die Bedrohung des antarktischen Lebensraums durch die Krillfischerei hingewiesen.

Umweltschützer hoffen UN-Schutzabkommen

Jetzt kritisierte Greenpeace, dass Einzelinteressen das Anliegen, die Antarktis zu schützen, blockierten. „Die Vereinten Nationen müssen daraus die Konsequenzen ziehen und mit dem Globalen Hochsee-Schutzabkommen rasch dafür sorgen, dass 30 Prozent der Ozeane unter Schutz gestellt werden“, forderte Maack weiter.

Die Vereinten Nationen verhandeln seit September ein Globales Hochsee-Schutzabkommen („Global Ocean Treaty“), das mir einem Netz von Schutzgebieten fast ein Drittel der Weltmeere unter Schutz stellen würde. Die Verhandlungen, auf die auch Greenpeace nun setzt, könnten bis 2020 abgeschlossen sein.

Von RND/nie/dpa

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