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Wissen Ich sehe was, was du nicht siehst
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01:02 14.08.2015
Von Matthias Koch

Die Realität ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Ein Flugzeug, das hoch oben über den Himmel zog – das war früher einfach nur ein Flugzeug, das hoch oben über den Himmel zog. Man konnte im Sommer im Gras liegen und der Maschine lange nachblicken, in seufzender Ahnungslosigkeit über das Woher und Wohin dieses weit entfernten Objekts.

Inzwischen sieht die Welt anders aus. Wer will, hält sein Handy himmelwärts – prompt lassen Apps, wie „Flight Radar”, die Realität optisch mit einer elektronischen Erweiterung zusammenfließen. Neben der Maschine schwebt dann am Himmel hoch oben ein kleines schwarzes Etikett mit zusätzlichen Informationen: Das hier ist der Easyjet-Flug U21470 von Kopenhagen nach Genf, ein Airbus A320, in einer Stunde und neun Minuten müsste er am Ziel sein.

Dabei ist „Flight Radar” längst ein alter Hut. Woche für Woche werden rund um die Welt immer neue Computerprogramme auf den Markt gebracht, die live erzeugte digitale Bilder aller Art mit zugeschalteten Daten verknüpfen. Fieberhaft arbeiten Entwickler am ultimativen Ziel eines „Weltbrowsers”, der am Ende alles erläutert, was man vor die Linse hält.

Schon jetzt fügt sich rasch Mosaikstein an Mosaikstein. Wer sich in einer Großstadt nach Hotelzimmern umsieht, kann auf einem zentralen Platz stehen bleiben und muss sich nur noch mit erhobenem Smartphone um die eigene Achse drehen: Das Hotel da vorne hat noch Zimmer frei, schon ab 69 Euro die Nacht; da drüben, am anderen Ende des Platzes, ist schon alles ausgebucht – Schriften schweben über den Dächern und zeigen alles an. 

Neugierige streifen am Wochenende durch Wohngebiete, halten ihr Handy auf interessante Häuser – und sehen per Immobilien-App, wo etwas zu verkaufen ist und was es kosten soll.

Spannend wird es, wenn soziale Netzwerke ins Spiel und Ortungssignale von anderen Nutzern kommen. Früher ging man auf eine Kneipe zu und hatte keine Ahnung, wen man dort trifft. Heute gibt es Apps, die schon von Weitem anzeigen: Hier sitzen drei Freunde von mir – leider auch einer, den ich jüngst bei Facebook blockiert habe und den ich auch hier nicht treffen will.

Augmented Reality (AR) heißt der leise wachsende Megatrend, von dem heute noch niemand genau weiß, wohin er am Ende noch führen wird. Ergänzungen der Realität durch Zusatzinfos, Videos oder Spezialeffekte – das kann ganz nett sein. Moderne Zeitungen bringen damit Bilder in Bewegung, Gemäldegalerien bieten interaktive Führungen an, neuartige Spiele werden möglich, bei denen zum Beispiel virtuelle Kugeln an reale Gegenstände stoßen und abprallen.

Es geht um viel mehr als bloße Spielerei. In der Arbeitswelt kann AR Prozesse entscheidend erleichtern. Kommunizierende Chips können virtuelle Etiketten über Kisten, Container und alle denkbaren Teile von Industrieanlagen zaubern: So kann ein Arbeiter sehr schnell sehen, was er da vor sich hat.

Spezialbrille "Google Glass": Nettes neues Miteinander - oder neuer Albtraum?

In Kansas experimentiert die Feuerwehr mit Brillen, die Rettern eine Warnung ins Sichtfeld einblenden, wenn sie sich im qualmenden Haus einer verdächtig heißen Tür nähern. Automobilbauer tüfteln an Konzepten für „Talking Cars”: Autos, die dauernd digital etwas über sich erzählen – und deshalb vor einer Kurve schon beide Fahrer warnen können, bevor die einander sehen.

Schon rätseln Ökonomen, Politiker und Philosophen, wer die Gewinner und Verlierer im Spiel um Augmented Reality sein werden. AR kann vieles leichter machen, vor allem sicherer. Eine Demokratisierung der Technik ist im Gang. Einblendung von Abstandswarnungen ins Gesichtsfeld: Das gab es nur für Kampfpiloten – jetzt bieten das auch BMW und Mercedes. Gescannt wird im Kaufhaus nicht mehr nur vonseiten des Verkäufers. Auch der Kunde kann Ware per Handy einlesen – und mit neuen Apps sehen, ob es nicht drei Häuser weiter das gleiche Produkt billiger gibt.

Im besten Fall kann AR zum netten neuen Miteinander beitragen. „Biete gegen 17 Uhr Mitfahrgelegenheit nach Dresden”: Dieses Etikett könnte jemand in Zukunft per AR über seinem Auto schweben lassen, erkennbar per Smartphone oder Spezialbrille. Ein spontanes Carsharing wäre möglich, ganz im Sinne einer Verbindung von Ökonomie und Ökologie, auch im Sinne eines sozialen Zusammenrückens.

AR könnte sich aber auch zum Albtraum entwickeln. Solange Menschen Dinge scannen, gibt es kein Problem. Sobald aber der Mensch selbst zum Objekt wird, gerät die Menschenwürde in Gefahr. Gesichtserkennungstechniken werden immer besser, zur Verlinkung mit persönlichen Daten ist es nur ein kleiner Schritt. Da wundert sich eines Tages ein politisch Radikaler, dass er schon auf dem Weg zu einer Demonstration Polizeibegleitung bekommt. Die Beamten haben durch AR-Spezialbrillen einen über seinem Kopf schwebenden Hinweis gesehen: Dieser Mann ist oft bei Protestmärschen. Die Gesinnung stand bislang niemandem auf der Stirn geschrieben - genau das könnte sich ändern.

Clubs und Discos könnten dazu neigen, nur noch Gäste zuzulassen, die in die Preisgabe ihrer Identität per AR einwilligen. Security-Leute, die mit Spezialbrillen auf die Menge blicken, sähen dann Schilder über den Köpfen tanzen mit Namen, Geburtsdatum, Wohnort. In einer solchen Welt wäre das Innerste nach außen gekehrt, Menschen müssten sich fühlen, als seien sie die „Sims” aus dem Computerspiel. Es bliebe nur ein schwacher Trost: Auch wer in einer fremden Stadt an die Bar geht, könnte hoffen, gleich seinen Lieblingsdrink hingestellt zu bekommen, ohne dass Worte gewechselt werden.

Unberechtigt wäre indessen die Hoffnung, AR werde sich totlaufen. Manche meinen, die Leute würden niemals mit Geräten wie „Google Glass” vor den Augen auf die Straße treten. Doch als Exoten fühlten sich auch die ersten Nutzer von Mobiltelefonen oder iPod-Kopfhörern. So etwas brauche kein Mensch, hieß es anfangs. Durchgesetzt haben sich aber die Träger der „wearable computers”, nicht die Bedenkenträger.