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Wissen Mehr als 2000 Patienten wurden falsch behandelt
Nachrichten Wissen Mehr als 2000 Patienten wurden falsch behandelt
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14:05 04.04.2018
Die meisten Ärzte arbeiten gut: Gemessen an der Gesamtzahl der Behandlungen ist die Fehlerzahl nur im Promillebereich. Quelle: dpa
Berlin

Immer wieder werden Patienten Opfer von Behandlungsfehlern. Im vergangenen Jahr wurden 2213 Fälle festgestellt, berichtet die Bundesärztekammer. In 1783 Fällen führte der Behandlungsfehler zu einem Gesundheitsschaden. Im Vergleich zum Vorjahr haben sich die Zahlen verbessert: Im Jahr 2016 wurden noch 2245 Behandlungsfehler registriert, 1845 mit Gesundheitsschaden.

„Gemessen an der enormen Gesamtzahl der Behandlungsfälle liegt die Zahl der festgestellten Fehler Gott sei Dank im Promillebereich“, sagt Andreas Crusius, Vorsitzender der Ständigen Konferenz der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Bundesärztekammer. Laut Statistischem Bundesamt hat es 2016 bundesweit fast 20 Millionen Behandlungen in Krankenhäusern gegeben. Hinzu kommen rund eine Milliarde Arztkontakte jährlich in den Praxen.

Kein Grund für Panikmache

Jeder Fehler sei einer zu viel, sagt Crusius. Dennoch gebe es für Panikmache und Pfuschvorwürfe keinen Grund. Beides schade der mittlerweile gut etablierten offenen Fehlerkultur und damit der Fehlerprävention in der Medizin.

Insgesamt trafen die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärzteschaft im vergangenen Jahr bundesweit 7307 Entscheidungen zu mutmaßlichen Fehlern (2016: 7639). Weiter am häufigsten beschwerten sich Patienten nach Behandlungen von Knie- und Hüftgelenksarthrosen sowie Brüchen von Unterschenkel und Sprunggelenk.

Neben der Ärzteschaft gehen auch die Medizinischen Dienste der Krankenkassen Behandlungsfehlern nach. Im Jahr 2016 erstellten sie rund 15  000 Gutachten, in knapp jedem vierten Fall wurden Fehler bestätigt. Wie viele Patienten sich direkt an Gerichte, Anwälte oder Versicherungen wenden, ist unbekannt.

Malaria nicht erkannt

Beispiele für Behandlungsfehler veröffentlicht zum Beispiel die norddeutsche Schlichtungsstelle der Ärzteschaft. So ging ein 22-jähriger, kranker Mann nach einem Madagaskar-Urlaub mit Malaria-Verdacht zum Hausarzt. Dieser leitete laut Schlichtungsstelle aber nicht die für einen Akutfall geeigneten Diagnose- und Therapieschritte ein. Der junge Mann ging nach drei Tagen auf eigene Faust in eine Tropenklinik und wurde erst dort richtig behandelt.

In einem anderen Fall kam ein 39-Jähriger mit einer Stichverletzung nach einem Streit ins Krankenhaus. Trotz akuter Behandlung und Untersuchung des Bauchs durch kleine Öffnungen der Bauchdecke sowie durch Ultraschall wurden Dick- und Dünndarm-Verletzungen zunächst nicht erkannt. Folge: Der Mann musste 18 Folge-Operationen über sich ergehen lassen und zwei Monate in der Klinik bleiben, davon zwei Drittel auf der Intensivstation mit einem Luftröhrenschnitt zur Dauerbeatmung.

Was Betroffene tun können

Beim Verdacht auf einen Behandlungsfehler sollten betroffene Patienten den Arzt zunächst darauf ansprechen. Er ist dazu verpflichtet, Patienten darzulegen, warum er bestimmte Entscheidungen getroffen hat, erläutert die Stiftung Warentest im Ratgeber „Ihr Recht bei Ärztepfusch“. Der Arzt muss den Patienten nach allgemein anerkannten Standards behandeln. Am besten notiert sich der Betroffene vor dem Gespräch konkrete Fragen wie „Haben Sie eine falsche Diagnose gestellt? Und wenn ja, warum?“. Ideal ist es, sich von einer vertrauten Person begleiten zu lassen, die einem den Rücken stärkt und das Gespräch protokolliert.

Kann der Arzt die Zweifel nicht zerstreuen, haben Patienten in vielen Kliniken die Möglichkeit, sich an hauseigene Patientenfürsprecher und Beschwerdestellen zu wenden, erklärt Bernd Kronauer, Leiter der Geschäftsstelle der Patientenbeauftragten der Bundesregierung.

Auch die gesetzliche Krankenkasse hilft weiter, wenn sie die Behandlung bezahlt hat. Der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) kann zum Beispiel die Behandlungsunterlagen überprüfen. Außerdem gibt es Schlichtungsstellen bei den Ärzte- und Zahnärztekammern.

Geht es schließlich um konkrete Forderungen, sollten sich Betroffene einen Anwalt suchen, rät die Stiftung Warentest. Das sollte ein Fachanwalt für Medizinrecht sein, der sich auf die Vertretung von Patienten spezialisiert hat. Einen Fachmann finden Patienten über die örtlichen Anwaltskammern.

Von dpa/RND/ang