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17:32 26.07.2018
Aus und vorbei: Trennungen können Menschen mitunter in tiefe Lebenskrisen stürzen. Quelle: dpa
Hamburg

Mehr denn je sind dieser Tage an die Liebe hohe Erwartungen geknüpft, sagt Beziehungscoach Elena-Katharina Sohn. Werden diese nicht erfüllt, fallen Betroffene oftmals in ein tiefes Loch. An dieser Stelle kommt Expertin Sohn mit ihrer Liebekummer-Agentur auf den Plan.

Frau Sohn, haben die Menschen heute mehr Liebeskummer als früher?

Den Schmerz gab es schon immer, davon handeln ja auch viele Klassiker der Literatur. Doch heute ist einfach mehr Raum für dieses Gefühl da. Generationen vor uns – zum Beispiel die Großeltern im Zweiten Weltkrieg – hatten nicht die Zeit oder Möglichkeit, sich dem überhaupt zu widmen. Und an Trennung war da oft auch nicht zu denken.

Nehmen wir die Liebe heutzutage vielleicht zu wichtig?

Nein. Es ist gut, dass Menschen Probleme in ihren Beziehungen ernst nehmen und sich um Lösungen bemühen. Aber dass wir die Liebe mit zu vielen Erwartungen überfrachten, ist problematisch. Die meisten von uns haben ein idealisiertes, romantisiertes Bild von Partnerschaft, das von Hollywood geprägt ist: Ich treffe den einen, der zu mir passt, und der macht mich glücklich. Oft ist gerade diese Vorstellung der Auslöser für Probleme.

Und weil Frauen und Männer übersteigerte Erwartungen haben, braucht es eine Einrichtung wie Ihre Liebeskummer-Agentur?

Na, die wäre früher vielleicht auch schon nötig gewesen. Vor allem braucht es die Agentur, weil Menschen Hemmungen haben, sich bei Liebeskummer von einem Therapeuten helfen zu lassen. Das ist bedauerlich, zumal jeder Therapeut weiß, dass sich aus dem Kummer mit der Liebe schwerwiegende psychische Leiden entwickeln können. Außerdem ist Liebeskummer, das zeigt ein Report der AOK aus dem vergangenen Jahr, oft die Ursache für eine Lebenskrise – und die wiederum führt zu Krankentagen. Das Leiden an der Liebe hat also volkswirtschaftliche Relevanz. Man darf nicht unterschätzen, wie viele Menschen die Probleme in der Partnerschaft komplett aus der Bahn werfen.

Zur Person: Elena-Katharina Sohn, geboren 1979, ist Heilpraktikerin für Psychotherapie und Gründerin der Agentur „Die Liebeskümmerer“ in Berlin. Die Agentur existiert seit 2011 und coacht Menschen, die an der Liebe leiden. Elena-Katharina Sohn lebt mit Partner und Kind in Berlin. Sie hat mehrere Ratgeber geschrieben. Quelle: Georg Meierotto

Was sind die Hauptprobleme, mit denen Sie in der Agentur zu tun haben?

Wenn der Partner oder die Partnerin sich trennt. Wenn jemand in einer Beziehung steckt, von der er weiß, dass sie ihm nicht guttut. Wenn eine Frau sich nicht aus einer gewalttätigen Beziehung lösen kann. Wenn Menschen unglücklich in jemanden verliebt sind, der von ihnen nichts wissen will. Die Bandbreite ist groß.

Und sie klingt ganz schön dramatisch.

Liebeskummer ist ja kein Teenagerleiden. Im Erwachsenenalter geht das oft mit einer ausgemachten Lebenskrise einher. Geht eine Partnerschaft im hohen Alter auseinander, lautet die Frage oft: Kommt jetzt noch etwas? Kann ich mich überhaupt noch einmal verlieben?

Unabhängig vom Alter: Welches ist Ihr wichtigster Rat?

Die Aufmerksamkeit etwas vom Objekt der Begierde wegzunehmen und stärker auf sich selbst zu richten. Menschen mit schwerem Liebeskummer suchen meist ihr ganzes Lebensglück in der Partnerschaft, ihnen fehlt es häufig an anderen Glücksquellen in ihrem Leben. Oder sie haben es in einer langjährigen Beziehung verlernt, sich gut um sich selbst zu kümmern. Mein Ansatz ist: Räume der Partnerschaft in deinem Leben einen wichtigen Platz ein, aber fokussiere dich nicht darauf.

Das klingt jetzt aber nicht bahnbrechend neu.

Es heilt aber den Liebeskummer. Und wenn ich den anderen nicht mehr so stark mit meinen Erwartungen überlaste, sondern mehr auf mich schaue, führt es dazu, dass Beziehungen glücklicher und stabiler werden.

Sind übertriebene Erwartungen, wie Sie sie in Ihrem aktuellen Buch schildern, in erster Linie ein Problem der Frauen?

Da gibt es meiner Erfahrung nach tatsächlich Unterschiede. Egal wie modern wir inzwischen sind: Noch immer wird Jungen stärker als Mädchen vermittelt, dass es wichtig ist, selbstständig zu leben.

Für beide Geschlechter gilt: Man ist oft blind – aus Liebe oder Gewohnheit.

Ich glaube, dass wir den anderen häufig gar nicht sehen, wie er tatsächlich ist. Viele Menschen tragen eine Art Brille der eigenen Erwartung: Ich betrachte den anderen vor allem in Hinblick darauf, wie er mir dazu dient, glücklich zu sein. Oder ich sehe ihn durch die Brille meiner eigenen Unsicherheit und Schwächen.

Elena-Katharina Sohn: „Goodbye Beziehungsstress. Eine Anleitung zum Zusammen-Glücklichsein“. Ullstein-Verlag. 237 Seiten, 13 Euro. Quelle: Georg Meierotto

Was meinen Sie damit konkret?

Ein Beispiel: Der Partner kommt abends müde nach Hause und verschwindet gleich im Arbeitszimmer. Die Frau denkt: Der ist mal wieder blöd und mag mich nicht. Sie betrachtet die Situation also aus der eigenen Unsicherheit heraus, was leicht zum Streit führt. Jemand, der selbstsicher sagen kann: „Dass der schlecht drauf ist, hat mit mir im Zweifel erst mal nichts zu tun!“, kann diese Brille abnehmen. Mit liebevollem Blick auf den anderen kann man vielleicht erkennen: Okay, der hatte wohl einen blöden Tag – ich frage ihn erst mal, wie es ihm geht.

Noch mal zurück zum Liebeskummer: Was sollen Familie und Freunde machen, wenn jemand darunter leidet?

Einfach da sein und zuhören. Wer Liebeskummer hat, will keine klugen Ratschläge hören. Das Beste, was man machen kann, ist zu sagen: Ich bin 24 Stunden am Tag für dich erreichbar, und wenn du magst, kannst du mir die gleiche Geschichte auch zum 500. Mal erzählen. Für Liebeskranke ist es wichtig, dass sie reden können – sonst isolieren sie sich in ihrem Schmerz.

Fast jeder kennt allerdings eine Freundin, die alle paar Monate den vermeintlichen Traummann trifft – und bald wieder getrennt ist. Da kann das mit dem Zuhören anstrengend werden.

Irgendwann sollte man als Freundin dann vielleicht auch sagen: Denk doch bitte mal darüber nach, was dieser Mechanismus vielleicht mit dir zu tun hat.

Von Martina Sulner

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