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18:01 21.04.2018
Affentheater am Abend: Nicht selten kommen um die diese Zeit Ängste hoch. Quelle: Illustration: RND/Patan
Hannover

Wie eine wilde Affenherde sausen sie nachts durch den Kopf: Sorgen, Grübeleien, Ängste. Und nichts kann diese Affenherde aus stressigen Gefühlen stoppen. Sie brüllt einem ins Gedächtnis, was man nicht geschafft hat. Sie ärgert einen mit Gedankenspielen, die das Scheitern prophezeien. Ihr Geschrei lässt einen nicht einschlafen, nicht zur ersehnten Ruhe kommen. Das Herz rast, kommt schier ins Stolpern. Und oft sind kein Ausweg und auch kein Lösungsmodell in Sicht, um die kreischende Bande an einen anderen Ort zu schicken. Wer allabendlich unter einer solchen symbolischen Affenherde leidet, dem macht ein sogenannter Monkey Mind zu schaffen.

Immer fehlt es an der nötigen Zeit

Kerstin ist 38 Jahre alt und kann sich gar nicht mehr daran erinnern, wann sie das letzte Mal vor Mitternacht eingeschlafen ist. In der Regel wird es eher 2 oder 3 Uhr, bis bei ihr die Lichter ausgehen. Beim Aufstehen ist sie furchtbar gerädert, meistens kommt Kerstin erst vormittags aus dem Bett. Den Schlaf empfindet sie alles andere als erholsam. Es ist ein täglich wiederkehrendes Prozedere, dem sich Kerstin hilflos ausgeliefert fühlt. Weil sie als Selbstständige arbeitet, kann sie ihren eher untypischen Tagesablauf irgendwie organisieren. Aber unterm Strich fehlt Kerstin immer Zeit.

Und weil sie ewig gehetzt durchs Leben hastet, dadurch chronisch zu spät kommt und damit Menschen vor den Kopf stößt, entstehen neue Pro­bleme. Abends – in der vermeintlichen Ruhephase – kommen dann die dämonischen Affen hervorgekrochen, flüstern ihr ungute Gedanken ins Ohr und halten sie weiter auf Trab.

Der Affe Angst schreit am lautesten

Der Begriff Monkey Mind oder Affengeist stammt aus dem Buddhismus. Er beschreibt einen Zustand, in dem unsere mentalen Prozesse und Gedanken herumspringen wie betrunkene Affen. Sie zur Raison zu bringen ist schier unmöglich. Und am lautesten schreit nach alter buddhistischer Lehre der Affe Angst. So auch bei Kerstin. Jeden Abend versucht sie, so lange zu lesen, Fernsehen zu schauen oder vom Smartphone aus Nachrichten zu verschicken, bis sie erschöpft in den Schlaf fällt.

Und ewig dreht sich das Gedankenkarussell

Für Kerstin ist das eine Quälerei: „Kaum habe ich nichts, womit ich mich beschäftigen kann, da kommen mir tausend Gedanken in den Sinn: Was muss ich morgen alles erledigen? Soll ich aufstehen und es aufschreiben? Schließlich habe ich schon öfters was vergessen, und das gab mächtig Ärger.“ Dann werden die Gedanken immer existenzieller und bedrohlicher. Unter Umständen greift Kerstin erneut zum Handy, um irgendeine Nachricht in die Welt zu schicken, die Linderung bringen soll. Und weiter dreht sich das Gedankenkarussell.

„Solche Menschen verlieren oft schon am Tag die Übersicht über das Geplante, systematisch Geordnete und Systematisierte aus den Augen. Und wenn sie dann aus diesem flippermäßigen Reiz-Reaktions-Mechanismus austreten, dann hat das noch eine lange Nachwirkung, vergleichbar mit einem Motor nach einer langen Reise. Da läuft dann noch eine Weile die Kühlung“, beschreibt Psychologe Ulrich Schmitz solche Persönlichkeiten, denen ihr Monkey Mind besonders zu schaffen macht.

Die Symptome mögen am Abend besonders deutlich zum Vorschein kommen, die Ursachen werden aber schon am Tag gesetzt. Der Psychologe bringt es auf den Punkt: „Wer tagsüber das Planhafte aus den Augen verliert, bei dem kommt abends oft die Panik hoch.“ Es handle sich um ein geschlechterübergreifendes Phänomen. Drogen, Alkohol und Tabletten werden oft als Lösung herangezogen, weiß Schmitz. Aber die Fähigkeit, sich selbst zu beruhigen, runterzufahren und auch mal etwas liegen zu lassen, sei entscheidend für einen gesunden Rhythmus.

Die Toleranz für Fehler ist abhandengekommen

Die Gründe für den rastlosen Monkey Mind sind unterschiedlich. Häufig befeuern Überforderung und Perfektionsdrang die Affengeister. Die Toleranz für Fehler und die Toleranz für Reste ist nach Ansicht des Therapeuten vollständig abhandengekommen. Es habe meist biografische Gründe oder aber mit schlechten Arbeitsbedingungen zu tun, „dass der Mensch kein selbstbewusster Fehlermacher ist. Also dass man viel zu viel Angst hat, Fehler zu machen. Und dann versucht man, perfekt zu sein, und Perfektion gibt es nicht. Und da ist der Teufelskreis geschlossen.“

Raus kommt man da nur, wenn man mit Restgedanken am Ende des Tages umgehen kann. Aber Monkey Minds können das sehr schlecht. Tatsächlich hilft es, sich zu fokussieren – ohne Druck. In der „Huffington Post“ erklärt der buddhistische Meditationsmeister Yongey Mingyur Rinpoche aus Tibet, dass es darauf ankomme, sein Gedankenkarussell nicht zwanghaft stoppen zu wollen. Das funktioniere mit Gedanken und Gefühlen sowieso nicht.

Mit dem Affengeist Freundschaft schließen

Man sollte probieren, sich mit seinem Affengeist anzufreunden und ihm eine Aufgabe zu geben. Yongey Mingyur Rinpoche empfiehlt, sich auf seine Atmung zu konzentrieren: „Atme ein, atme aus. Viele Gedanken kreisen im Hintergrund. Aber das macht nichts. Das ist kein Problem. Solange man nicht vergisst, sich auf seine Atmung zu konzentrieren, ist alles okay.“ Viele Menschen hätten eine falsche Vorstellung von Meditation, etwa dass man an nichts denken solle. Aber das sei gar nicht nötig. Man solle sich immer wieder schlicht auf seine Atmung konzentrieren. Und das könne man überall und zu jeder Zeit.

Nur man selbst kann den Affen zähmen

Wichtig ist, dass ein Mensch, der unter seinen unruhigen Gedanken stark leidet, begreift: Nur er selbst kann den Affen zähmen! Und das sollte er auch, so Psychologe Schmitz, denn auf Dauer betreibt ein Mensch, der nicht mehr zur Ruhe kommen kann, extremen Raubbau mit seiner Gesundheit: „Das hält man auf Dauer nicht aus, wird man manisch oder kann sich nur noch mit Drogen in Balance halten.“ Auch das Versumpfen in Fernsehserien ist für Schmitz ein klassisches Fluchtverhalten vor den Affengeistern – mit der Folge, dass man flügellahm werde: „Und das ist ein Vorbote für eine depressive Entwicklung!“

Menschen brauchen positive Konkurrenz zu den düsteren Gedanken. Etwas Erfreuliches, das in der Freizeit einen Kontrast zum Affen Angst liefert. Und es ist wichtig, dieses Energiereservat bewusst zu planen und gezielt umzusetzen. Meditation und Achtsamkeitsübungen sind gute Möglichkeiten, seine aufgeputschten Affen zu besänftigen. Ansonsten hilft natürlich auch ein Gespräch mit einem fachkundigen Arzt.

Deutschland schläft schlecht

Schlafstörungen sind ein weit verbreitetes Problem – besonders bei Arbeitnehmern, die abends nicht zur Ruhe kommen. Seit dem Jahr 2010 sind die Schlafstörungen bei Berufstätigen im Alter zwischen 35 und 65 Jahren um 66 Prozent angestiegen. Das geht aus dem DAK-Gesundheitsreport 2017 hervor. Nach der Studie der Krankenkasse leidet jeder zehnte Arbeitnehmer unter schweren Ein- und Durchschlafproblemen.

Chronisch schlechter Schlaf gefährde die Gesundheit der Betroffenen, heißt es vonseiten der Krankenkasse. Wenn man keinen guten und erholsamen Schlaf mehr finde, erhöhe das das Risiko für Depressionen und Angststörungen.

Auch wenn es zahlreiche Tipps gibt, wie man am Abend zur Ruhe und dadurch später besser in den Schlaf kommt – etwa durch Meditation –, greifen zahlreiche Menschen zu Medikamenten. Jeder Zweite, so der Report, kaufe Schlafmittel ohne Rezept in der Apotheke oder Drogerie. Knapp jeder Vierte nimmt Schlafmittel länger als drei Jahre ein.

Von Andrea Mayer-Halm/RND

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