16 ° / 1 ° wolkig

Navigation:
Am Anfang regierte Pessimismus

70 Jahre Schleswig-Holstein Am Anfang regierte Pessimismus

Im Alter von zwei Jahren geht Schleswig-Holstein 1948 beinahe in einem norddeutschen Großland unter. Damals überhört der Hamburger Bürgermeister Max Brauer aber den Hilferuf aus dem Norden. So kann das Land jetzt seinen 70. Geburtstag feiern.

Voriger Artikel
Eine neue Ära auch für Kiel
Nächster Artikel
Der „echte Norden“ feiert sich in Eutin

 Hermann Lüdemann, Schleswig-Holsteins erster gewählter Ministerpräsident, war von 1947 bis 1949 Regierungschef.

Quelle: Archiv

Kiel. Der Restposten Preußens, den früher niemand haben wollte, hat sich zu einem selbstbewussten Teil Deutschlands gemausert. Genau das will die Regierung am 1. Oktober mit 400 Gästen in Eutin feiern.

So viel Aufhebens macht das Land selten um seine Entstehung, um jene knappe Verordnung Nummer 46, mit der die britische Militärregierung am 23. August 1946 der preußischen Provinz vorläufig die Stellung eines Landes verleiht. Die Presse nimmt vor 70 Jahren kaum Notiz davon, und die Menschen hatten, so analysierte es einst der Kieler Historiker Kurt Jürgensen, „andere Sorgen, als den Statuswandel von der Provinz zum Land zu beachten“.

 Auch das Protokoll jener Sitzung, in der der Landtag Wochen später eher beiläufig über die Verordnung informiert wird, verzeichnet weder Beifall noch gar Jubelrufe. Die Abgeordneten, so erklärt es Jürgensen, seien eher verlegen als begeistert gewesen. Schließlich hatten die Parlamentarier erst drei Tage zuvor parteiübergreifend deutlich gemacht, daß für sie die Eigenständigkeit des Landes einem Todesurteil gleichkäme und nur eine große norddeutsche Lösung Sinn mache, weil das geplante Großland Nordrhein-Westfalen keine Klein-staaterei erlaube. Richtig amtlich wird die Selbständigkeit ohnehin erst sechs Monate später. Am 25. Februar 1947 streichen die Alliierten Preußen von der Landkarte.

 Mit dieser Großmacht hatten die Nordlichter zwar nie viel am Hut, nur auf sich selbst gestellt aber wollten sie die riesigen Probleme des Wiederaufbaus aber auch nicht angehen. „Schleswig-Holstein ist räumlich zu klein und wirtschaftlich zu schwach, um seine Aufgaben als Land unter den gegenwärtigen und künftigen Anforderungen erfüllen zu können“, stellt der damalige Ministerpräsident Hermann Lüdemann (SPD) in einer bitteren Klageschrift fest. Bei der willkürlichen Aufteilung Preußens sei ein unglücklich geformtes und schlecht begrenztes Land Schleswig-Holstein übriggeblieben, über das ein „geschichtliches Verhängnis“ hereinzubrechen drohe.

 Für so viel Pessimismus gibt es damals gute Gründe. Mehr als 1,1 Millionen Flüchtlinge waren nach Schleswig-Holstein gekommen – auf vier Einheimische kamen drei Flüchtlinge. Die Bereitschaft, Wohnraum, Arbeit und Lebensmittel zu teilen, ist gering. In den Ferienorten an Nord- und Ostsee schlafe in jedem zweiten Bett anstelle eines Urlaubers ein Flüchtling, so beschwert Lüdemann sich über den brachliegenden „Fremdenverkehr“ und fordert ein Ende der „Übervölkerung“ durch Umverteilung.

 In den Folgejahren wandern Hunderttausende ab, finden in anderen Bundesländern, allen voran in Nordrhein-Westfalen, eine neue Heimat. Erst dieser Aderlass macht es Schleswig-Holstein möglich, die übrigen Flüchtlinge zu integrieren. Auch das gelingt nicht über Nacht. Noch bis in die 60er-Jahre leben einige Neu-Schleswig-Holsteiner in Baracken. Gemessen daran konnte das Land die aktuelle Flüchtlingswelle hervorragend managen, und das, weil Schleswig-Holstein auch wirtschaftlich Anschluss an den Rest der Republik gefunden hat.

 Die Grundstrukturen haben sich allerdings wenig verändert. Anders als vor 70 Jahren sind es zwar nicht mehr die Landwirtschaft und die Werften, an dem das Schicksal Schleswig-Holsteins hängt. Aber wie zu Lüdemanns Zeiten fehlt dem Land ein breites industrielles Rückgrat. Und nach wie vor leidet das Land am Verkehrshindernis Elbe. Schon vor 70 Jahren fordert Lüdemann eindringlich weitere Elbquerungen, um dann lautstark zu beklagen, dass es dafür kein Geld gebe. Heute hapert es auch bei den Planungen. Der A20-Elbtunnel ist frühestens im Herbst baureif – nach mehr als 20 Jahren Vorarbeit.

 Mächtig stolz kann Schleswig-Holstein auf die Entwicklung im Grenzland sein. Lüdemanns Appell an „ganz Deutschland“, Schleswig-Holstein im Grenzkampf mit Dänemark beizustehen, ist Geschichte. Heute wird das Land von der Partei der dänischen Minderheit mitregiert. Geblieben ist die leere Kasse des Landes, das schon Lüdemann als „Aschenbrödel“ beschreibt. Seine Werbung für ein Land „Unterelbe“, das Hamburg und Nord-Niedersachsen umfassen soll, ist denn auch vergebens. Trotz Prüfauftrag der Alliierten erklärt Hamburgs Bürgermeister Brauer im Sommer 1948 solche Gedankenspiele für erledigt. Und das schon damals zur Freude auch vieler Schleswig-Holsteiner.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Ulf B. Christen
Landeshaus-Korrespondent

ANZEIGE
Mehr aus 70 Jahre SH 2/3