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Eine neue Ära auch für Kiel

70 Jahre Schleswig-Holstein Eine neue Ära auch für Kiel

Während Schleswig-Holstein als Verbund bereits mehr als 500 Jahre existierte, war die Ausrufung Kiels als Landessitz eine Überraschung. Denn das Regierungspräsidium befand sich bis dahin in Schleswig, Kiel war „nur“ Amtssitz des Oberpräsidenten. Es waren die Briten, die Kiel zur Landeshauptstadt kürten.

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Wasser und Lichter geben der Stadt Kiel nachts einen ganz eigenen Zauber. Im Jahr 1900 wurde Kiel mit mehr als 100.000 Einwohnern zur Großstadt. Heute, 70 Jahre nach Ausrufung als Landeshauptstadt, gehört Kiel mit 243 000 Einwohnern zu den 30 größten Städten Deutschlands und bildet das Zentrum der Kiel-Region.

Quelle: Sven Janssen

Kiel. Der damalige Oberpräsident und Widerstandskämpfer gegen die Nationalsozialisten, Theodor Steltzer, hatte der britischen Besatzungsmacht vorgeschlagen, Schleswig zur Landeshauptstadt zu machen. Seine Begründung: Als Residenz der Gottorfer Herzöge sei die Stadt „seit Jahrhunderten im Bewusstsein der Bevölkerung“ als Verwaltungssitz verankert. Zudem sei sie eher als das bis zu 80 Prozent zerstörte Kiel in der Lage, die Behörden aufzunehmen.

 Die Historikerin Christa Geckeler beschreibt in der Reihe der Kieler Erinnerungstage des Stadtarchivs (Infos www.kiel.de/kultur), wie es trotzdem zum Ausspruch des britischen Colonels Ainger „The capital is Kiel“ am 16. August 1946 gegenüber dem deutschen Verbindungsmann Hans Müthling kam: Für die britische Militärregierung gaben die zentrale Lage Kiels, die Vielzahl der bereits ansässigen Behörden und Institutionen, vor allem aber der Amtssitz des Oberpräsidenten den Ausschlag. Müthling hegte große Bedenken, dass nicht genügend Büros und Wohnungen in Kiel beschafft werden könnten und für Schleswig der Prestigeverlust schwer auszugleichen sei. Aber die wischte die Militärregierung beiseite: Sie kündigte an, die zum Teil zerstörte ehemalige Marineakademie am Düsternbrooker Weg, das heutige Landeshaus, wieder aufzubauen und der Landesregierung und dem Landtag zur Verfügung zu stellen. Schleswig erhielt zum Ausgleich das Oberlandesgericht, das im Oktober 1948 in den verlassenen Regierungsbau zog. Auch die Landesmuseen, das ehemalige Kieler Thaulow-Museum und das Landesarchiv, fanden in Schleswig im Schloss Gottorf einen neuen Standort.

 Kiels damaligem Oberbürgermeister Andreas Gayk (SPD) gelang es danach, in zähen Verhandlungen mit den Briten durchzusetzen, dass 18 Gebäude und 915 Meter Kaifläche auf dem Ostufer aus den Demontageplänen herausgenommen wurden. Die neue Hauptstadt sollte auch wirtschaftlich wieder lebensfähig werden. Auch für den Kieler Sport spielten die Briten eine große Rolle: Die segelbegeisterte Besatzungsmacht richtete ihre erste Kommandantur im Kieler Yacht Club ein, taufte den Club in British Kiel Yacht Club um und ermöglichte die erste Kieler Woche nach dem Zweiten Weltkrieg – allerdings noch unter Ausschluss der deutschen Bevölkerung. Dass die Kieler Woche neben dem sportlichen Wettbewerb auch den Gedanken der Völkerverständigung und des kulturellen Austausches aufnahm, war Gayk zu verdanken. Er beschrieb den neuartigen Charakter: „ Über alle Grenzen der Nationen und Parteien hinweg soll die Kieler Woche uns ein Gemeinsames geben: Das Bekenntnis zur Humanität, das Bekenntnis zur Menschlichkeit und das Bekenntnis zum Frieden.“

 Nur wenige Tage nach ihrem 70. Geburtstag wird ein neues Kapitel in der gemeinsamen Geschichte zwischen der Stadt Kiel und den Briten aufgeschlagen: Denn die Briten schließen ihren letzten militärischen Stützpunkt in Schleswig-Holstein im British Kiel Yacht Club, der 1950 nach Holtenau zog. Ende der Woche verabschieden sich die Soldaten mit offiziellen Empfängen, einem großen Zapfenstreich und dem Entgegennehmen des Fahnenbandes der Bundesrepublik Deutschland.

 Damit, so heißt es von der Stadt, gehe eine Ära zu Ende, die „1945 mit der Besatzung begann und die sich im Laufe der sieben Jahrzehnte zu einer vielfältigen Partnerschaft gewandelt hat.“ Wo steht Schleswig-Holsteins Landeshauptstadt heute? „The capital is Kiel“ – diese Entscheidung der Briten habe nicht nur die Geschichte Kiels, sondern auch die des Landes entscheidend geprägt, meint Oberbürgermeister Ulf Kämpfer. „Der Titel Landeshauptstadt ist mittlerweile ein fester Bestandteil der Kieler Identität. Keine Frage: Wir fühlen uns sehr wohl, Landeshauptstadt zu sein. Und ich habe den Eindruck: das Land fühlt sich mit uns ebenso wohl.“

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Ein Artikel von
Martina Drexler
Lokalredaktion Kiel/SH

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