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Ein ganz besonderes Land wird 70 Jahre alt

Schleswig-Holstein Ein ganz besonderes Land wird 70 Jahre alt

Das Land Schleswig-Holstein wird 70. Das wird gefeiert, aber nicht gleich und nicht so ganz groß. Die Geburt als Land war ein formaler bürokratischer Akt. Einer schon komplizierten Geschichte folgten weitere ungewöhnliche Kapitel.

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Geruhsam oder laut: Das ist Schleswig-Holstein

Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Uwe Barschel (CDU - li.) im Gespräch mit dem SPD-Herausforderer Björn Engholm am 6.3.1983. Die Wahlnacht am Sonntag den 6.3.1983 im Kieler Landeshaus bot auch den beiden Hauptkontrahenten für die Landtagswahl am 13. März 1983 in Schleswig-Holstein Gelegenheit für ein Gespräch.

Quelle: Wulf Pfeiffer/dpa

Kiel. Das nördlichste Bundesland ist sehr schön, ziemlich klein, trägt nur 2,8 Prozent zur deutschen Wirtschaftskraft bei und hat eine vertrackte Geschichte. Wenn Außergewöhnliches in der Politik passiert, ist Schleswig-Holstein ganz vorne dabei. Seit dem Barschel-Skandal von 1987 gilt das allemal. Vor 70 Jahren schlug die Geburtsstunde des Landes in seiner heutigen Form. Zum 23. August 1946 sprach die britische Militärregierung mit der Verordnung Nr. 46 der damaligen preußischen Provinz den vorläufigen Status eines Landes zu.

Das Datum wird die 2,8 Millionen Einwohner kaum berühren. Erst zum 1. Oktober haben Landtagspräsident Klaus Schlie (CDU) und Regierungschef Torsten Albig (SPD) zum Festakt geladen auf die Landesgartenschau in Eutin. Das Parlament beging den „70.“ schon am 26. Februar. Den ersten Landtag ernannten die Briten. Bundesland wurde Schleswig-Holstein erst nach der Gründung der Bundesrepublik 1949.

Die Briten vollziehen übrigens am 26. August einen „Special Brexit“: Dann zieht nach 71 Jahren ihr Yacht-Club aus Kiel ab. „Die britische Militärregierung hatte vor 70 Jahren entscheidenden Anteil an der Geburtsstunde Schleswig-Holsteins“, sagt dazu Albig, der seit 2012 eine Regierung aus SPD, Grünen uns SSW führt. „Diese historische Leistung werden wir nie vergessen.“

Wer Geschichtsbücher über Schleswig-Holstein liest, wird schnellt verwirrt. Der einstige britische Premier Lord Palmerston (1784 bis 1865) stöhnte, die Geschichte sei so kompliziert, dass nur drei Menschen sich darin auskennen würden: Albert von Sachsen-Coburg-Gotha, Prinzgemahl von Queen Victoria, der schon tot sei, ein Professor, der verrückt geworden sei, und er selbst, doch habe er alles wieder vergessen, sonst wäre er auch verrückt geworden. So hat es der Historiker Christian Degn in seiner Landesgeschichte rekapituliert.

Pharisäer, Tote Tante und Schnüüsch

Es ist das Land, in dem der „Blanke Hans“ die Nordsee mit Sturmfluten toben lässt, Wikinger handelten, der „Pharisäer“ (Kaffee mit Rum und Sahne) erfunden wurde, zuweilen „Tote Tante“ (Kakao mit Rum) getrunken wird und „Schnüüsch“ (Gemüse in Milch gekocht) gegessen. Hier gibt es Orte, die Welt, England, Kalifornien und Brasilien heißen und viele, deren Namen an die dänische Vergangenheit erinnern.

Heute regiert der SSW (Südschleswigscher Wählerverband) als Partei der dänischen und friesischen Minderheit seit 2012 an der Seite von SPD und Grünen mit. 2005 wollte er noch eine rot-grüne Minderheitsregierung tolerieren. Das ging schief, weil Ministerpräsidentin Heide Simonis zur Wiederwahl vier Mal eine Stimme aus den eigenen Reihen fehlte.

Das war das Aus für die Frau, die 1993 erste Regierungschefin in Deutschland wurde. Einen denkwürdigem Abtritt hatte auch Christian von Boetticher: Der CDU-Mann wollte 2012 Peter Harry Carstensen als Ministerpräsident beerben. Das scheiterte schon vor der Wahl daran, dass er eine frühere Beziehung zu einer Minderjährigen bestätigen musste. Heute führt der Jurist die Geschäfte eines Müsli-Herstellers.

Wirtschaftsfaktor Nahrungsmittel

Auch Käse, Marzipan und Bier werden im Land erzeugt, die Nahrungsmittelindustrie ist wichtig. Werften bauen Luxusjachten und U-Boote; immer mehr wächst von Sylt bis Lübeck der Tourismus. Auch Kieler und Travemünder Woche, das Schleswig-Holstein Musik Festival, das Heavy-Metal-Festival in Wacken und die Karl-May-Spiele locken viele Gäste an.

Von drei Atomkraftwerken ist nur noch eines am Netz. Unzählige Windmühlen produzieren Öko-Strom. Das könnte noch mehr sein, gäben die Leitungen das her. Auch nimmt der Widerstand von Bürgern zu, nicht nur am Wattenmeer, das zum Unesco-Welterbe zählt.

Um Meer und Klima kümmern sich Top-Forscher bei Geomar in Kiel, um die Ökonomie das Institut für Weltwirtschaft. Am Übergang zwischen Nord- und Mitteleuropa ist Schleswig-Holstein wichtig im internationalen Verkehr. Doch da ist manches arg ins Stocken geraten: Die marode Rader Hochbrücke über den Nord-Ostsee-Kanal im Verlauf der A7 nach Dänemark braucht spätestens in zehn Jahren Ersatz, der geplante Fehmarnbelt-Tunnel erfährt eine Verzögerung nach der anderen und die für den Ost-West-Verkehr wichtige A20 kommt nicht voran.

Wachstum durch Flüchtlinge

1939 hatte das Land 1,6 Millionen Einwohner, 1949 dann 2,7 Millionen, weil so viele Flüchtlinge aus dem Osten kamen. Schleswig-Holstein war eine frühe Hochburg der Nationalsozialisten und nach dem Krieg ganz lange politisch die Domäne der CDU - bis zum Barschel-Skandal 1987.

Der CDU-Mann musste zurücktreten, nachdem aus seiner Staatskanzlei der Referent Reiner Pfeiffer den SPD-Herausforderer Björn Engholm mit üblen Tricks im Wahlkampf gequält hatte. Am 11. Oktober 1987 wurde Barschel tot in einer Hotelbadewanne in Genf gefunden. Ob er ermordet wurde oder aus eigenem Willen starb, ist bis heute ein Rätsel.

1993 verlor Engholm sein Amt: Er gab zu, dass er früher als behauptet von Pfeiffers Treiben gewusst hatte. Auch war publik geworden, dass Ex-SPD-Landeschef Günther Jansen Pfeiffer umgerechnet 25 000 Euro zukommen lassen hatte, angeblich aus privaten Ersparnissen. Aus der Tradition politischer Merkwürdigkeiten könnte das Land jetzt mal wieder ausbrechen, wenn es 2017 die Wahlperiode regulär zu Ende bringt. Das gelang zuletzt 2005, denn 2009 platzte die große Koalition im Zoff zwischen CDU Regierungschef Peter Harry Carstensen und dem SPD-Spitzenmann Ralf Stegner. Und 2012 wurde vorzeitig gewählt, weil das Verfassungsgericht dies gefordert hatte.

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