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Die Pendler müssen sich gedulden

A7-Bilanz Die Pendler müssen sich gedulden

Beim Ausbau der A7 läuft alles nach Plan. Diese gute Nachricht, die Hamburgs Verkehrssenator Frank Horch (parteilos) und sein Kieler Kollege Reinhard Meyer (SPD) am Montag in der Hamburger City hervorhoben, kann allerdings über einige negative Baufolgen nicht hinwegtäuschen.

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Die A7 zwischen Hamburg und Bordesholm wird seit einem Jahr ausgebaut.

Quelle: Daniel Bockwoldt/dpa

Hamburg. Deutschlands teuerstes ÖPP-Projekt hat im ersten Jahr für mehr Unfälle und Staus gesorgt – und gebaut wird noch weitere drei Jahre.

Das Navi schert sich am Morgen nicht um die Super-Baustelle, gibt die Fahrzeit zwischen Kiel und dem Innovationscampus nahe dem Hamburger Rathaus mit sportlichen 80 Minuten an, allerdings „ohne Verkehr“. Auf der A215 geht es flott voran. Am Bordesholmer Dreieck dann der erste Stau: genau dort, wo Deutschlands längste Baustelle (65 Kilometer) beginnt. Mit jeder Minute Richtung Hamburg wird der Verkehr dichter, ab Schnelsen-Nord geht es nur noch im Schritttempo voran. Auch auf dem Weg in die City drängen sich Pendlerautos. Als der Campus in Sicht kommt, zeigt das Navi eine Fahrzeit von 115 Minuten.

Für Meyer, der wie Horch in Hamburg lebt, ist die Anreise zur großen A7-Pressekonferenz kein Problem. Meyer kommt mit der S-Bahn. Der Senator ist im Lobe-Modus, preist die kluge Planung (vier Bauabschnitte à zwölf Kilometer mit einem Mindestabstand von fünf Kilometern) und das gute Bau-Management mit LED-Fahrzeitangaben und A7-App. Meyer nickt, bleibt aber Realist. „Jede Baustelle ist eine Zumutung.“ Das gelte auch für die A7. Aber: „Seit dem Baustart Ende 2014 breche ich einfach 15 Minuten früher auf.“ Das klappe. Was Meyer nicht sagt: Sein Chauffeur fährt ihn morgens von Hamburg nach Kiel, also gegen den Pendlerstrom.

Die Politiker überlassen es dem Bauherrn Deges, einige weniger schöne Nachrichten zu verbreiten. Im nächsten Jahr müsse Deutschlands meist befahrene Autobahn (in der Metropolregion 155.000 Fahrzeuge täglich) abschnittsweise wegen Brückenarbeiten sechsmal voll gesperrt werden, berichtet Deges-Bereichsleiter Bernd Rothe. Gesperrt werden soll die Trasse bis zu 55 Stunden, das aber außerhalb der Ferienzeiten sowie möglichst nachts und an Wochenenden. Mit der Startbilanz ist Rothe mehr als zufrieden. Bei den mehr als 30 Brücken gehe es zwar etwas langsamer voran als gedacht, beim Ausbau der A7 auf sechs Spuren dafür aber schneller. Die ersten Bauabschnitte (Richtung Hamburg) sind fast fertig und sollen 2016 vierspurig befahren werden, um dann die Trasse in der Gegenrichtung zu erweitern.

Nächste Großbaustelle droht

Ganz ungeschoren kommen der Senator und der Minister nicht davon. Horch erzählt auf Nachfragen, dass ab März der A7-Tunnelbau in Stellingen beginnen soll und schon die nächste Großbaustelle droht. Ab 2018 soll die Hochstraße südlich des Elbtunnels saniert werden. Meyer wirbt dafür, die A7 auch nordwärts bis zur dänischen Grenze zu erweitern und kommt ins Schwimmen, als er gefragt wird, ob dann nicht auch das Ersatzbauwerk der Rader Hochbrücke sechsspurig sein müsse. Antwort: Im Prinzip ja, aber der Bund sehe das noch anders.

Bei der A7 bekommen die Politiker Rückendeckung aus der Wirtschaft. „Der Ausbau der Autobahn läuft besser als erwartet“, sagt der Geschäftsführer des Unternehmensverbandes Logistik, Thomas Rackow. Die Branche habe wegen der Stau aber natürlich Einbußen. Auch beim Hauptgeschäftsführer der IHK zu Kiel, Jörg Orlemann, überwiegt die Freude. Er findet das Baustellenmanagement „klasse“, bedauert aber, dass es keine Ausweichstrecke gibt. „Die Politik hatte versprochen, vor dem Ausbau der A7 die A20 zu bauen.“

So oder so – die Rückfahrt am Mittag aus Hamburg ist staufrei. Die meisten Pendler kehren erst später nach Schleswig-Holstein zurück. Auf der Raststätte Holmmoor-Ost fällt die A7-Startbilanz mehr als durchwachsen aus. „Die Baustelle macht keinen Spaß“, klagt Götz Petersen aus Kiel. Der Handwerker fährt jeden Morgen nach Neumünster. „Das läuft eigentlich nie problemlos.“ Sven Knickrehm aus Buchholz in der Nordheide schmunzelt über das Eigenlob der Politiker. „Ich kann jeden Tag zwischen Elbtunnel und Quickborn locker 30 bis 45 Minuten draufrechnen.“ Im Berufsverkehr könne man die A7 vergessen, auch wegen der Unfallgefahr.

Das Crash-Risiko ist nicht nur gefühlt höher. Nach Angaben des Verkehrsministeriums hat es in den ersten elf Monaten 2015 zwischen Bordesholmer Dreieck und Hamburg 727 Unfälle gegeben – gut 200 mehr als im Vorjahr. Meyer verschweigt den 40-Prozent-Anstieg nicht, erinnert aber daran, dass die Steigerung während des Ausbaus der Strecke Hamburg-Bremen höher war. Zudem zeichne sich ab, dass trotz der Mega-Baustelle kaum Autofahrer auf Bahn und Bus umsteigen, weil man auf der A7 letztlich irgendwie vorankommt. Zurück in Kiel zeigt das Navi eine Fahrzeit von 90 Minuten – zu schön um A7 zu sein.

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Ein Artikel von
Ulf B. Christen
Landeshaus-Korrespondent

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