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Orangenes Gefühl durch und durch

46. Roskilde-Festival Orangenes Gefühl durch und durch

Ein Festival ist ein Festival bleibt ein Festival? Von wegen! Roskilde, das ist auch in diesem Jahr wieder ein Statement, ein Gefühl – das Orange Feeling. Ein Happening der Jugendkultur, die in musikalischer Vielfalt badet. Das 46. Roskilde Festival fängt da an, wo das 45. aufhörte.

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In Roskilde glüht wieder das orangene Gefühl.

Quelle: Rene Otto

Roskilde. Im vergangenen Jahr schickten Damon Albarn und Africa Express die Erschöpften mit einem fünfstündigen Marathon auf die Heimreise. Albarn ließ sich nur widerwillig von der Bühne tragen. Wieder da! In diesem Jahr eröffnet der Blur- und Gorillaz-Mastermind die vier Konzerttage mit dem Orchestra of Syrian Musicians und unzähligen weiteren Gästen. Vier Tage, das Line-up ist wieder einmal exzeptionell, die Red Hot Chili Peppers, Macklemore & Ryan Lewis oder Tenacious D haben bereits erste Pflöcke in den (etwas aufgeweichten) Festivalboden geschlagen.

Es könnte ein furioser Moment am ersten Abend sein. „What I’ve got you’ve got to give it to your mama“, singt Anthony Kiedis, und mit „Give It Away“ wollen die Red Hot Chili Peppers die Crowd zum Explodieren bringen. Flea absolviert eine wahre Tour de Force auf den Basssaiten, auch Drummer Chad Smith investiert viel. Aber nach dem Desaster von 2007 wird es auch in diesem Jahr keine Liebesbeziehung mehr zwischen den Peppers und dem Roskilde Festival. Kiedis springt hoch, ringt nach Luft, verreißt die Zeile, kann die Distanz zur Menge nicht überwinden. Die singt und tanzt, gibt sich nicht vollends hin. „Under The Bridge“: trotzdem schön! Das neue „Dark Necessities“: sanft funky in seinem Ska-Flow! Das Shirt von Anthony Kiedis: „Be fresh like a fish“ – abgesoffen, blutleer, vorhersehbar!

In diesem Meer der Mannigfaltigkeit kein Problem: Einfach weitergehen, die erst 19-jährige Aurora („Running With The Wolves“) und der Thrash-Metal von Slayer sind ja auch noch da. Kontraste! Und die Comeback-Boys von At The Drive-in sowieso. „Relationship of Command“ machte sie vor 16 Jahren zu Post-Hardcore-Legenden, kurz darauf lösten sie sich auf. Jetzt die zweite Reunion: Während die Peppers abliefern (und mehr nicht), zeigen At The Drive-in einen kraftstrotzenden, ekstatischen Auftritt mit triumphalen Hymnen wie „One Armed Scissor“. Vieler Worte von Frontmann Cedrix Bixler-Zavala bedarf es nicht. At The Drive-in: brettharte Herzenssache, verkopft.

Kein Sir, kein Boss, kein Prince in diesem Jahr auf der „Orange Scene“, aber jede Menge Spaßfaktor. Jumping around („Jump Around“) mit House of Pain, später am zweiten Abend Chorus-getriebener HipHop-Zirkus von Macklemore & Ryan Lewis: „Thrift Shop”, „Can’t Hold Us“ – 60000 tanzen, feiern, drehen sich. Dann weiter, immer weiter schwimmen, hinein in die Gewässer von bad girl Elle King („Ex’s & Oh’s“), zu den Break Beats von Santigold, vorbei an Claire Boucher aka Sci-Fi-Pop-Chanteuse Grimes oder mitten in die Manege des großen Pop-Rummels von Chvrches. Girl Power, wohin das Auge blickt in einem Jahr, dem die Festival-Macher das Etikett „Equality 2016 – Stand up for your rights“ verpasst haben. Für Irritationen sorgten Plakate, auf denen sich die Roskilde-Verantwortlichen das Recht vorbehalten, sämtliche Handy- und Internet-Kommunikation der Festival-Besucher „zu beobachten und Daten an unsere Partner weiterzugeben“. Die Banner („Sharing is caring“) erwiesen sich als Aktion der Aktivistengruppe The Yes Men und Edward Snowdens gegen Digitale Überwachung. Am Dienstag hatte der Whistleblower – zugeschaltet aus seinem Moskauer Exil – an einer Talkrunde mit Besuchern des Festivals teilgenommen. From Russia with love.

Damon Albarn and the Syrian Orchestra beim Roskilde 2016.

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Berückende Däninnen, baumstammstarke Wikinger decken sich mit Regenmänteln ein. Der Umsatz blüht, einzig der Regen spielt nicht mit. Ein paar Tropfen hier, ein Schauer da. Insgesamt bleibt es trocken. Jack Black und Kyle Gass aka Tenacious D mit ihrem Led-Zeppelin-Queen-Who goes Monty Python, das herzlich und witzig ist und vor allem von großem Können an den Akustik-Gitarren zeugt, saufen auf der Orange Stage irgendwie ab. Dass Jack Black zum Schießen komisch ist, war allen klar. Aber hey, der Typ kann auch noch singen (am liebsten im Falsett). Mehr Tiefgang gefällig? Die Fusion aus Grandezza und Noir der großen PJ Harvey überstrahlt alles. Punkt. Ein schmaler Grat auf dem die 47-jährige Polly Jean Harvey mit voller Kapelle und jeder Menge Kawumm und Töröö in Roskilde wandelt und vor der euphorisierten Festival-Meute von den Verlierern des Krieges, von ihren Reisen nach Afghanistan oder in den Kosovo singt. Wie eine Armee marschieren die Britin und ihre Musiker ein, entfalten mit ihrer großen Kunst des neuen Albums „The Hope Six Demolition“ eine ungeahnte magnetische Sogwirkung. Im unbeschwerten Indie, rootsigen Blues-Rock, im zwischen Country und Punk changierenden Sound verpuppt sich der codierte Protest, die Vernichtung. Die Zuhörer liegen dieser sinnlichen Grand Dame des politischen Protests zu Füßen.

Sonnabend geht es in Roskilde weiter. So schnell ausverkauft wie in diesem Jahr war das Festival zuletzt 1996. Auch damals spielten Neil Young, die Chili Peppers, Slayer, dazu David Bowie, Björk, Rage Against The Machine, Pulp, Nick Cave und die Sex Pistols. In diesem Jahr kommen noch Neil Young + Promise Of The Real, M83, Dänemarks Superstar Mø, LCD Soundsystem, James Blake, New Order und so viele anders. „Wenn ich nicht nach Roskilde fahren kann, fehlt mir das ganze Jahr über etwas“, sagt Sales Manager Rasmus (34) aus Kolding. Helle (25) hat bereits am Sonntag in Roskilde ihr Zelt aufgeschlagen, zieht trotz des anfänglichen Regens acht Tage durch. „Nur am Dienstag musste ich kurz nach Hause“, sagt die Studentin aus Apenrade. „Papa hat 60. Geburtstag gefeiert.“ Wer ein Ticket für den Kosmos Roskilde Festival kauft, ist nicht nur Besucher. Er ist Bewohner, Mitgestalter, Utopist, Träumer.

Einen Livestream des Festivals finden Sie hier.

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