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Aida gibt es nicht

Deutsche Oper Berlin Aida gibt es nicht

Dass der Regisseur Benedikt von Peter in seiner Neuinszenierung von Verdis „Aida“ keine Ausstattungsorgien à la Verona veranstalten würde, war eigentlich klar. In der Deutschen Oper Berlin überraschte er nun damit, die Titelfigur nicht aus Fleisch und Blut, sondern wie eine Vision erscheinen zu lassen.

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Aida (Mitte, Tatiana Serjan), Alfred Kim als Radames und Anna Smirnova als Amneris in der Deutsche Oper Berlin.

Quelle: Rainer Jensen

Berlin . Dass der Regisseur Benedikt von Peter in seiner Neuinszenierung der „Aida“ keine pseudohistorischen Ausstattungsorgien à la Verona veranstalten würde, war eigentlich klar, denn er hat in früheren Produktionen häufig genug bewiesen, dass er auf den Aussagekern der Oper vordringen, die Fantasie der Zuschauer anregen will und dabei sehr eigene Wege geht, die für ihn nicht ohne Risiko sind. In der Deutschen Oper Berlin hat er nun das Publikum damit überrascht, eine „Aida“ auf die Bühne zu bringen, in der die Titelfigur eigentlich nicht aus Fleisch und Blut ist, sondern wie eine Vision, wie eine Fata Morgana erscheint. Sie existiert nur in der Einbildung und überhitzten Fantasiewelt des Radames.

Dieser sitzt zu Beginn der Oper an einem Tisch, auf dem, für die Zuschauer durch eine Projektion gut sichtbar, eine Landkarte von Ägypten, einige alte Bücher und Fotos liegen. Er hat ein weißes Kleid, das Kleid der Aida in Händen und beginnt zu träumen. Er wirkt wie ein schüchterner junger Mann, wie ein Tagträumer, der seiner Ernennung zum Heerführer der Ägypter geradezu fassungslos erlebt, denn zu dem martialischen Marsch der kriegsbegeisterten Priester hat er die Schrecknisse von Kriegen und fliehenden Menschen vor Augen – durch Projektionen können wir seine Gedanken lesen. Schemenhaft erscheinen auch die in Syrien eingesetzten Bomber.

Um zu verdeutlichen, dass in dieser ganz und gar ungewöhnlichen „Aida“-Inszenierung Träume und Fantasien eine große Rolle spielen, hat Benedikt von Peter das Orchester der Deutschen Oper hinten auf der Bühne platziert, ohne dass es ständig zu sehen wäre. Die Choristen sind auf den gesamten Zuschauerraum verteilt, mal in kleinen Gruppen, mal einzeln zwischen dem Publikum, was irgendwie alle zu Mitspielenden macht und uns dazu anregt, die kriegerische Musik zu hinterfragen. Auch sind alle Solisten (außer den drei Protagonisten) auf die Ränge verteilt, singen also praktisch aus dem Off. Erstaunlich, wie hervorragend es Andrea Battistoni nach einigen Anfangsschwierigkeiten gelingt, durch sein im wahrsten Sinn des Wortes umsichtiges Dirigat die vielen Mitwirkenden zu koordinieren. Unter seinen Händen kann sich Giuseppe Verdis großartige Musik in all ihrer Schönheit entfalten, die zarten Lyrismen ebenso wie die packende Dramatik.

Welche Rolle aber ist in dieser Inszenierung Amneris zugedacht? Sie ist die einzige konkrete Figur, die mit beiden Beinen auf der Erde steht. Sie liebt Radames und hasst seine Träumereien von Ägypten und der unerreichbaren Idealgestalt der Aida. Sie ist gar nicht zimperlich in der Auswahl ihrer Mittel, ihm seine Hirngespinste von reiner Liebe auszutreiben. Ohne Rücksicht zu nehmen auf seine Bücher, Karten und Fotos knallt sie ihm ein Tablett mit einer dicken Wurst auf den Tisch, beschmiert ihm ein Brötchen, schneidet die Wurst auf und will ihn damit auf den Boden der Tatsachen zurückholen. Später aber, wenn er immer noch weiter träumt, wirft sie wutentbrannt all die Dinge, die seine Phantasie beflügelt hatten, auf den Boden. Und obwohl sie das weiße Kleid der Aida zerreißt, bleibt ihm noch genug Stoff davon übrig, weiterhin von Sehnsucht und seiner unerfüllbaren Liebe zu träumen. Und natürlich gibt es am Schluss keine Grabkammer, sondern einen in sich zusammengesunkenen Radames, dem eine Aida vom ersten Rang aus antwortet. Er überlebt, aber seine Illusion, sein Glaube an die Möglichkeit von echter Liebe, ist ein für allemal in ihm gestorben. Und Amneris, die jetzt endgültig an seinen Phantastereien zerbricht, erdolcht sich vor dem Küchentisch, ohne dass Radames das bemerkt.

Anna Smirnova ist eine Amneris der Superlative. Nicht nur, dass sie die ihr zugedachte Rolle des Hausdrachens schauspielerisch virtuos erfüllt, auch gesanglich gelingt ihr ein mitreißendes Porträt einer Frau, die hin und hergerissen ist zwischen Liebe und Hass und an diesem Konflikt so leidet, dass sie schließlich daran zugrunde geht. Ihrem schönen runden Mezzosopran kann sie alle Nuancen abgewinnen, um diesen Charakter glaubhaft zu machen. Die Aida der Tatiana Serjan ist in dieser Inszenierung eine berückende, wie eine Vision erscheinende Lichtgestalt. Sie kann das auch dank ihres silbrig schimmernden, sicher geführten Soprans anrührend zum Ausdruck bringen. Alfred Kim meistert seine Aufgabe, den Radames als weltfremden Träumer darzustellen, mit beeindruckender Natürlichkeit. Jede seiner Gesten, das Zurückschrecken vor der allzu fordernden Amneris, das sich Flüchten in Traumwelten, das Verzweifeln an den Grausamkeiten von Kriegen, ist glaubhaft. Und stimmlich kann er, wenn man mal von anfänglichen Unsicherheiten absieht, auch überzeugen.

 Das Premierenpublikum spendete allen Mitwirkenden viel Beifall, war aber tief gespalten zwischen wütenden Buhrufern und frenetisch Applaudierenden, als das Regie-Team auf die Bühne kam.

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