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Freigelegte Emotionen

Chéreaus „Elektra“-Inszenierung Freigelegte Emotionen

Jürgen Flimm, der Intendant der Staatsoper Berlin, kam vor Richard Strauss' „Elektra“-Premiere vor den Vorhang, um in bewegenden Worten Patrice Chéreau, dem „größten Regisseur“, zu danken für diese „Elektra“-Inszenierung.

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Cheryl Studer (Die Vertraute/Aufseherin) und Ensemble.

Quelle: Staatsoper Berlin

Berlin. Die Arbeit daran habe er an der Staatsoper begonnen, aus der Taufe aber wurde seine Produktion dann 2013 in Aix-en-Provence, kurz vor seinem Tod. Jetzt also kann man auch in Berlin (ebenso wie in Mailand, London und New York) die letzte Genietat des französischen Starregisseurs erleben, in einer glanzvollen, schwerlich zu überbietenden Besetzung: Evelyn Herlitzius in der Titelpartie, Waltraud Meier als Klytämnestra,  Adrianne Pieczonka als Chrysothemis, Michael Volle als Orest und am Pult der Staatskapelle Berlin natürlich Daniel Barenboim.

Chéreau sagte in einem Gespräch mit Barenboim, mit dem er sich außerordentlich gut verstand:„Das Hören von Musik lässt mich einen direkten Weg sehen, ein Bild davon, wie eine Figur agieren soll, um verborgene Gefühle auftauchen zu lassen...“ Dass er über diesen „direkten Weg“ verfügt, merkt man seiner Inszenierung der „Elektra“ Takt für Takt an. Stets versucht er, auf den unter oftmals konträren Gefühlen verborgenen Grund der Charaktere vorzudringen, um so Emotionen freizulegen und zu visualisieren: Wenn die von ihrem Hass zerfressene Elektra nach dem Gespräch mit ihrer Mutter erschöpft am Boden liegt, dann spiegeln sich in Mimik und Gestik der Klytämnestra die widersprüchlichsten Gefühle: Blinder Hass und Furcht vor der eigenen Tochter, spontane Sympathie, vielleicht sogar ein Rest von Mutterliebe, Stolz in Abwechslung mit Abscheu...niemand kann das alles in seiner Komplexität besser bündeln als Chéreau.

Eine Elektra der absoluten Sonderklasse

Das Bühnenbild von Richard Peduzzi entspricht in seiner sachlichen Schlichtheit unserer Vorstellung von archaischer Architektur. Ein großer Torbogen im Hintergrund, eine höher und eine tiefer gelegene Fläche, rechts und links kahle Wände mit Türen, die Luke, in der das Mordbeil versteckt liegt, das ist schon alles. Um die Zeitlosigkeit der Handlung zu unterstreichen, sind alle –  die Protagonisten ebenso wie die Mägde, Aufseher etc. – heutig und sehr salopp gekleidet.

Evelyn Herlitzius ist eine Elektra der absoluten Sonderklasse – da reicht kein Superlativ aus, um ihrer kolossalen, übermenschlichen Leistung gerecht zu werden. Ihre geradezu unbegrenzt erscheinenden vokalen Fähigkeiten stellt sie voll in den Dienst der von Rachegedanken krank gewordenen Elektra, in jeder Bewegung und Geste durchlebt sie das fürchterliche Schicksal einer Frau, die es vorzieht, nicht im Palast, sondern im Hof „mit den Hunden zu leben.“ Chéreau deckt bei den drei Protagonistinnen Traumata auf, die von fehlgeleiteter Sexualität hervorgerufen worden sind, und findet sie vor allem im Verhältnis Elektras zu ihrer Schwester – das Betasten und Streicheln ihres Körpers bis hin zu einem angedeuteten Geschlechtsakt lassen die Abgründe in ihrem Charakter erahnen. Die Klytämnestra der Waltraud Meier weiß, was es heißt, mit alptraumartigen Abgründen Tag für Tag leben zu müssen, eine „von den Motten zerfressene“ Seele zu haben. Ihr Zusammentreffen mit Elektra könnte gar nicht desaströser sein. Im Kontrast zu beiden Frauen, zu Schwester und Mutter, steht die sanftere Chrysothemis der Adrianne Pieczonka, die vor allem eines anstrebt: „Weiberschicksal“, also Mutter sein will. Grandios und von geradezu archaischer Größe ist der Auftritt des Michael Volle als Orest. So anrührend seine Wiedererkennungsszene mit der Dienerschaft und Elektra ist, so wild und fest ist er entschlossen, Rache an seiner Mutter und Aegisth zu üben.

Premierenpublikum ist überzeugt

„Elektra“ ist natürlich auch eine Oper, die dem Orchester Höchstleistungen abverlangt, und Daniel Barenboim, der GMD der Staatskapelle, führt sein Orchester mit sicherer Hand durch alle Höhen und Tiefen dieser monströsen Partitur. Ob es das schauderhafte „Agamemnon“-Motto oder Elektras Suche nach dem Beil, ob es die orchestrale Schilderung von Klytämnestras Alpträumen oder die orchestralen Entladungen beim Erkennen von Orest sind – solche Momente, so erschreckend und furchterregend sie sein mögen, prägen sich unauslöschlich ein. Frenetischer Applaus des Premierenpublikums.

www.staatsoper-berlin.de   Weitere Aufführungen am 26. und 29. Oktober und am 1. und 4. November

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