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Der neue Roman von Stephen King – mit Quiz

Roman Der neue Roman von Stephen King – mit Quiz

Dornröschens großer Traum: Stephen King und sein Sohn Owen lassen in „Sleeping Beauties“ alle Frauen der Welt in Dauerschlaf sinken. Im Quiz können Sie Ihr Wissen rund um den King des Horror testen.

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Autor Stephen King.
 

Quelle: dpa

Berlin.

 „Dornröschen, nimm dich ja in Acht“, heißt es in dem alten Kinderlied. Besagte Prinzessin sank gleich für hundert Jahre in den Schönheitsschlaf, nur weil ihre Eltern vergessen hatten, die rachsüchtige 13. Fee zur Feier ihrer Geburt einzuladen. Mit Dornröschen fiel auch der gesamte Hofstaat in Ohnmacht, bis der edle Prinz in das dornumwucherte Schloss vordrang und die Braut mit dem Kuss der wahren Liebe wachrief. Pech, Märchenhauptrolle voll verschlafen.

Stephen King (70), durch die spektakulär erfolgreiche Neuverfilmung seines Horrorromans „Es“ populär wie lange nicht mehr, verlegt das „Es war einmal“ der Brüder Grimm in die heutigen Appalachen, die Herzlande amerikanischen Hinterwäldlertums. Mit seinem jüngsten Sohn Owen (40) als Co-Autor erzählt er von unheimlichen Vorgängen dort. Die Aurora-Grippe (so hieß Dornröschen in den Disney-Verfilmungen) greift von Australien und Asien auf Amerika über. Alle Frauen schlafen ein und bleiben wie Dornröschen fest in Morpheus’ Armen. Ein weißlicher Kokon vor dem Gesicht wird zur persönlichen Dornenranke – versucht jemand, diesen Schleier zu entfernen, erwacht die Betreffende für einige unangenehme Minuten extremer Gewalttätigkeit.

Eine junge Frau namens Evie taucht zur gleichen Zeit im County Dooling auf. Sie ist gegen die Schlafkrankheit immun, hat offenbar Bärenkräfte und einige übersinnliche Talente und wird unter dem Verdacht eines Doppelmords ins Gefängnis verbracht. Der Psychiater Clint Norcross, Ehemann der Polizeichefin Lila Norcross, steht bald zwischen ihr und einem männlichen Mob, der die vermeintlich am großen Schlaf schuldige Fee zur Strecke bringen will. Das Märchen wird zum apokalyptischen Western, der brave Clint muss den Eastwood in sich entdecken.

Vater und Sohn King verraten dem Leser dann auch, wovon die Dornröschen in ihrem Endlosschlummer so träumen. Diese Traumsphäre ist allerdings eher ein Paralleluniversum, eine Welt des Neubeginns, der weiblichen Selbstbestimmung, frei von Sexismus und Chauvinismus. So viel erfüllender ist „unser Ort“ als die erniedrigende alte Realität mit all ihren männlichen Überheblich- und Hässlichkeiten, dass die Frauen ihren Verbleib im schlafmagischen Wunderland mit Klauen und Zähnen gegen alle Weckversuche verteidigen.

„Sleeping Beauties“ ist ein weiteres literarisches Sozialexperiment Stephen Kings, bei der es die „Die Arena“ (2009) war, wo der Autor die Einwohner einer Kleinstadt unter eine undurchdringliche transparente Kuppel steckte. Der Roman ist zudem ein Seuchenhorror wie „Das letzte Gefecht“ (1978) und „Puls“ (2006), eine Geschichte über die Hölle der Schlaflosigkeit wie „Insomnia“ (1994) und über das enge Leben in Haftanstalten wie „The Green Mile“ (1996). Alte Topoi des Vaters werden verwoben, das Magische wird wie immer ganz selbstverständlich mit dem Alltäglichen vermischt. Und ein ums andere Mal wird der Finger in die Wunden des Landes gelegt – den 150 Jahre nach Ende der Sklaverei noch immer unfassbar virulenten Rassismus, die Polizeigewalt gegen Schwarze, das närrisch anmutende Beharren auf Schusswaffen, die immer noch so schnell zu „Problemlösungen“ herangezogen werden wie zuzeiten von Billy The Kid, und den toxischen Triumph der Lüge in Zeiten der den Kings verhassten Trump-Herrschaft (das Buch wurde im April beendet).

Bleibt der ewige Krieger und Zerstörer Mann nun unbeweibt auf seinem Misthaufen Erde hocken? Wohl liegt den Kings deutlich daran, auf den (zu) vielen Seiten dieses Buchs eine Lanze für die Frauen zu brechen, von einer radikalfeministischen Position ist ihre Fantasy indes weit entfernt. Es gilt, was schon Countrystar Tammy Wynette 1968 ganz reaktionär forderte: „Stand by Your Man“. Immerhin müssen die neuen Dornröschen nicht erdulden, wachgeküsst zu werden. Und sie werden die einstigen Machtverhältnisse der Geschlechter umkrempeln, soviel ist sicher. Vater King, seit je ein Freund von Versöhnung und Happy-End kann diesmal auf die Grimm’schen Märchen verweisen, die ja auch meist gut ausgingen. Selbst der sprechende Fuchs von „Sleeping Beauties“ will nur noch eins: „Frieden finden.“ Das flüstert der Räuber heimlich einer Ratte ins Ohr. Und wenn er nicht gestorben ist, lebt er heute vegetarisch.

Stephen und Owen King: „Sleeping Beauties“, Heyne, 960 Seiten

Von Matthias Halbig/RND

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