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Dieter Hildebrand klärt brutalstmöglich auf

Theater Dieter Hildebrand klärt brutalstmöglich auf

Als Dieter Hildebrandt am Montagabend in München auf sein neues Hörbuch zu sprechen kommt, steht er schon seit 40 Minuten auf der Bühne. Denn wie so oft hat das politische Tagesgeschäft die Literatur eingeholt.

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Dieter Hildebrandt macht er sich Gedanken über den Sozialstaat, die Familie Wulff und ihr Haus.

Quelle: Markus Scholz

München. Röttgens Rücktritt, Niebels fliegender Teppich, die Piraten und Schweinsteigers Wade sind Geschenke für einen Kabarettisten, die Hildebrandt unbedingt annehmen will.

"Wenn man dem zuhörte, meinte man, er sei in einem Atomkraftwerk geboren worden", bescheinigt der gerade 85 Jahre alt gewordene Kabarettist dem gefeuerten Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) und spricht vom "Ende einer wunderbaren Knechtschaft". Und an die Adresse der Piratenpartei fragt er: "Warum heißen die nicht Parasiten?" Sie seien dabei, das Urheberrecht, "ein Geschenk aus einem vorigen Jahrhundert, zu verapplen und vergooglen". Von Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP), der gerade mit seiner Teppich-Affäre Schlagzeilen macht, will er wissen: "Was haben Sie für das i in ihrem Namen bezahlt?"

Doch nicht nur deutsche Politiker bekommen ihr Fett weg. Ebenso der Vatikan, die Medien und der Sport. "Fernsehen und Fußball: die große Koalition zur allgemeinen Verblödung", sagt Hildebrandt und philosophiert über das Wort "Ausscheidungswettkämpfe". "Sofort denkt man: Scheiß Olympia!"

Das Publikum in der von Hildebrandt vor vielen Jahren mitgegründeten Münchner Lach- und Schießgesellschaft biegt sich immer wieder vor Lachen. Zuhörer und Vortragender sind bester Stimmung. Und dann kommt Hildebrandt endlich zur Hörbuchpremiere. "Neuer Text, neue Stimmung", kündigt er an.

"Es war einmal... meistens aber öfter: Politikerlügen - brutalstmöglich aufgeklärt" heißt sein neues Hörbuch, das seit Ende vergangenen Monats auf dem Markt ist. In einem düsteren Kapitel beerdigt er den Sozialstaat. Seine Bilanz fällt katastrophal aus: unsolidarische Arbeiter, Chefs ohne Gesicht und eine Arbeitsagentur, die dem Ganzen nicht viel entgegen zu setzen hat. "Menschen, denen wir nicht helfen konnten, gehen zwar ohne Job, aber singend nach Hause."

Hildebrandt streift den Niedergang der FDP und prügelt auf den Verfassungsschutz und den Innenminister ein. "Der Mann heißt Friedrich und ist auch sonst zu nichts zu gebrauchen." Während NSU-Terroristen jahrelang unbehelligt mordeten, habe der Verfassungsschutz nichts besseres zu tun gehabt, als Gregor Gysi (Linke) zu beobachten.

Auch die Causa Wulff macht Hildebrandt zum Thema. "Die Wulffs, eine deutsche Familienserie mit hohen Einschaltquoten", sagt Hildebrandt. Und das alles nur, "weil sie unbedingt das hässlichste Haus in ganz Niedersachsen kaufen mussten".

Und mit 85 Jahren will Hildebrandt auch mit einem anderen Missverständnis aufräumen. Er sei eigentlich gar kein Kabarettist, sondern Lyriker, erzählt er seinem überraschten Publikum. "Es handelt sich um Brutal-Poesie", sagt er und tritt den Beweis an: "Eins hat die Prostata gelernt: Wenn sie mich reizt, wird sie entfernt."

Dieter Hildebrandt

Es war einmal... meistens aber öfter

Politikerlügen - brutalstmöglich aufgeklärt"

Audio-CD, Laufzeit: 68 Minuten

Verlag: Diederichs,

ISBN: 978-3-424-35071-5

dpa

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