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Spurensuche in Istanbuls archaischer Welt

Feridun Zaimoglu Spurensuche in Istanbuls archaischer Welt

Für sein neues Buch "Siebentürmeviertel" hat sich Feridun Zaimoglu in Istanbul inspierieren lassen. 

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Hintergründiges Werk: Seit drei Jahren wendet sich der Autor, Journalist und Künstler Feridun Zaimoglu wieder mehr der Malerei zu.

Quelle: Kay-Christian Heine (Archiv)

Kiel. „Herrlich“, sagt Feridun Zaimoglu, „Heimat.“ Die Luft ist endlich wieder lau, am Tiessenkai in Holtenau werden die Zweimaster für den nächsten Törn bepackt, am Himmel kreisen Möwen. Der Schriftsteller zieht heftig am Mentholstengel, saugt dazu eine Portion Meerluft ein. Zehn Tage war Zaimoglu mit dem ZDF in Istanbul, auf Spurensuche im Siebentürmeviertel, wo sein Vater groß geworden ist. Das Quartier an der alten byzantinischen Stadtmauer mit seinen bis heute bewirtschafteten Nutzgärten ist Unesco-Weltkulturerbe – und es gibt Zaimoglus neuem Roman den Titel. Siebentürmeviertel ist ein monumentales Epos geworden - über Familien und Wahlverwandtschaften, über Zugehörigkeit und Fremdbleiben, das sich zwischen 1939 und 1949 in dem Kleine-Leute-Viertel an der alten byzantinischen Stadtmauer entwickelt.

 „Ich habe dafür dasselbe getan wie damals für den Roman Leyla“, erzählt Zaimoglu: „Ich bin zu meinen Eltern in die Türkei gefahren, habe diesmal meinen Vater erzählen lassen, alles auf unzählige Kassetten aufgenommen und sie in Kiel monatelang transkribiert.“ Rohstoff für den 800-Seiten-Roman, in dem ein Junge aus Hitler-Deutschland am Bosporus strandet. Weil sich sein Vater bei den Nazis unbeliebt gemacht hat. Weil er den Tod seiner Frau nicht verkraftet. Migration in die andere Richtung.

 „Es gab ja tatsächlich rund 1400 Exilanten aus Deutschland, die während des Zweiten Weltkriegs in der Türkei eine zeitweilige Heimat gefunden haben“, sagt der Schriftsteller, der sich für das Buch in Istanbul auch durch die Archive gewühlt hat. „Hauptsächlich waren das allerdings jüdische Akademiker, eingeladen, Universitäten und Museen aufzubauen.“ Es passt zu ihm, dass er sich die Freiheit nimmt, die Geschichte spiegelverkehrt zu erzählen. Mit sämtlichen Widerhaken; denn in dem provokant schiefen Bild dieses deutschen Flüchtlings, der für alle der Arier ist und „Hitlers Sohn“, kommt das Unauflösliche der Migration auch auf den Punkt.

 Dabei sind Fakten und Geschichte für Zaimoglu, den Sammler und beiläufigen Beobachter, das Spielmaterial, an dem sich seine Fabulierlust entzündet. Sein Siebentürmeviertel wird zum archaisch aufgeladenen Ort, an dem sich Ethnien und Religionen begegnen: Kaytun und Kubilay, die unheilvollen tschetschenischen Brüder, Istefan Bey, der Armenier, Hristos, der griechische Kneipenwirt, Schecho der redselige Kurde, Abdullah Bey, der türkische Patriarch – und Wolf, der Ich-Erzähler und Junge aus Deutschland, der vom Vater zurückgelassen und Abdullahs Ziehsohn wird. Ein brisantes wie verschworenes Gemisch aus Heimatlosen und heimisch Gewordenen, das in ruppigen Dialogen, fragmentarischen Sätzen und schillernden wilden Bildern vor sich hin köchelt. Und Wolf wächst in diese fremde Welt hinein, kämpft um die Stellung in seiner Clique und findet unter den Wahlverwandten Heimat.

 „Ich liebe es, mich in abseitige Figuren zu verwandeln“, sagt Zaimoglu. Das können Frauen sein wie in Leyla oder Isabel, Wichtelmännchen wie in Hinterland oder – wie jetzt – ein blonder Schuljunge aus Nazi-Deutschland. Der Autor schlüpft in Figuren, die mit seiner eigenen Lebenswelt „möglichst wenig zu tun haben“. Einerseits. Andererseits haben Leyla und Isabel direkte Bezüge zu seiner Familie. Und Wolf, den Deutschen in der Türkei, begreift er durchaus als eine Art Spiegel für sich selbst: „Ich wollte ein deutscher Bub sein, das war schnell klar. Es ging mir darum, meine Geschichte umzukehren. So wie Wolf in Istanbul bleibt, bin ich in Kiel geblieben.“ Für Wolfs Vater dagegen geht es nur darum auszuharren, bis die schlimme Zeit vorüber ist. „Du wirst nie dazu gehören“., sagt er später dem Sohn.

 Dabei steckt der längst mittendrin. Wie Zaimoglu, für den Heimat auch mit Anverwandlung zu tun hat. Siebentürmeviertel ist auch ein Entwicklungsroman, in der Liebesdramen ebenso mitspielen wie halbstarke Rituale. So mischt sich pubertäre Verwirrung mit 1001-Nacht-Atmosphäre, Glaubensfragen mit einer latenten Gewalt – als würde der Weltkrieg, von dem hier nie die Rede ist, doch in die kleine Welt des Viertels hineinwirken. „Mich hat diese archaische Welt im Umbruch interessiert, die Melancholie der Menschen, die wissen: Bald wird es das nicht mehr geben.“ Auch Zaimoglu erlebt mit Istanbul heute eine Stadt, deren architektonisches Erbe immer rascher der Uniformierung zum Opfer fällt. Die Holzhäuser mit ihren Erkern, die Frisierstuben, das Kopfsteinpflaster.

 Erdogans Regime sieht er so kritisch wie die „Rückkehr zum alten Glauben“, die der Demokratie und der Toleranz zunehmend im Weg steht.

 Im Siebentürmeviertel tummeln sich gleichzeitig wieder die Flüchtlinge – Syrer, Roma, Afrikaner. „Man nennt sie ,die neuen Bürger‘“, sagt Zaimoglu, drückt die Zigarette aus und richtet den Blick auf die Förde. „Und mir hat gefallen, wie gelassen man damit umgeht.“

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Ein Artikel von
Ruth Bender
Kulturredaktion

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