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Im Kino hört man die Raumfahrer schreien

Alien: Covenant Im Kino hört man die Raumfahrer schreien

Regisseur Ridley Scott warnt vor Weltraum-Kolonisation und gibt seinen Fans mit „Alien: Covenant“ (Bundesstart: 18. Mai) endlich, wonach sie schon lange verlangen – Action und Monster. Sogar der schwarze Xenomorph mit dem Bananenschädel, der im ersten „Alien“-Film von 1979 schon Sigourney Weaver nach dem Leben trachtete, tritt wieder auf.

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Quelle: Foto: Fox

Hannover. Aussaat in den Kosmos ist derzeit wieder Thema. Viele fantasieren heute so über eine Besiedlung des Mars, als sei die übermorgen möglich. Manche wollen viel weiter weg zu zweiten Erden irgendwo im All. Das Gefühl macht sich breit, dass wir es auf Terra vermasselt haben. Zu viele Kriege, Religion, Terror und die Polkappen schmelzen auch noch. Die Alten fühlen Schuld in sich aufsteigen, die Jungen Depression ,und der Meisterphysiker Stephen Hawking gab der Menschheit vor ein paar Wochen gerade mal noch 100 Jahre. Die nächste Generation bräuchte da gar keinen Nachwuchs mehr zu zeugen. Zeit also, zu den Sternen aufzubrechen, kein Blick zurück: Go Space! Die Science-Fiction hilft, wo die Wissenschaft hinkt. Der große Traum von fernweltiger Besiedlung wird vom heutigen Donnerstag an im Kino neu geträumt: 2000 tiefschlafende Kolonisten, hunderte tiefgekühlte Embryonen sind mit der „Covenant“ unterwegs zum Planeten Origae 6, allzeit bewacht von dem sanften, umsichtigen Androiden Walter.

John-Denver-Lied von Geisterstimme gesungen

Ein stählerner Phallus ist dieses Schiff, rauscht imposant durchs All, um fremde Welten zu befruchten. Während einer Energietankphase knallt eine Neutrinowelle in die Sonnensegel, die Crew wird geweckt, der Astromechaniker Tennessee fängt bei der Reparatur mit seinem Helm eine Botschaft auf. Eine fremde Frau singt da ganz offensichtlich einen John-Denver-Song – mitten in den Tiefen des Alls: „Take me home, country roads“. Eine Empfehlung? Hätten sie das nur mal gemacht, nichts wie zurück nach West Virginia.

Die ominöse Sendung stammt von einem nahegelegenen Planeten, quasi zweite Ampel links, der offenbar auch noch weit bessere Bedingungen aufweist als das sieben Jahre entfernte ursprüngliche Ziel. Mal nachgucken kann ja nicht schaden, findet der durch einen plötzlichen Todesfall frisch gebackene Captain Oram (Billy Crudup) und landet mit einem Stoßtrupp – darunter die widerstrebende Erste Offizierin Daniels (Katherine Waterston) und der synthetische Mensch Walter (Michael Fassbender) – in der Nähe des Signalursprungs. Ein Wachmann sagt im Planetenurwald noch schnell „Ich muss mal pinkeln.“ – und schon sind das seine famous last words. Denn die Fauna des Planeten birgt Killer, und die schlagen grausam zu. Als alles schon verloren scheint, tritt ein Retter aus der Dunkelheit. Es ist David (ebenfalls Fassbender), der hochfahrende Androide, dessen abgetrennten Kopf die Raumfahrerin Elizabeth Shaw (Noomi Rapace) im Vorgängerfilm „Prometheus“ bei der Flucht vom Planeten der übellaunigen Götter, die dann doch nur Gentechniker waren, gerade noch in einer Sporttasche verstauen konnte.

Die Nebencharaktere sind Lebendfutter für Außerirdische

Zehn Jahre nach „Prometheus“ spielt „Alien: Covenant“, der Film, mit dem Ridley Scott, wie er scherzhaft sagte, noch schnell klären wollte, woher die Alien-Eier im ersten „Alien“-Film von 1979 stammten. War „Prometheus“ sehr episch, philosophisch, von der großen Frage nach dem Ursprung der Menschheit und dem Wohnsitz ihrer Götter/Schöpfer durchdrungen, gibt der 79-Jährige der Fangemeinde diesmal, wonach sie verlangt: Fiese außerirdische Spezies beispielsweise, die sich als Mikrobenschwärme in Ohr oder Nase ansiedeln und dann als Fremdweltraptoren durch den Körper der Wirtspersonen brechen. Auch der Prototyp des klassischen „Aliens“, des schwarzen Xenomorphen mit dem Bananenschädel (samt seiner gemeingefährlichen Vorstufen „Gesichtsschmieger“ und „Brustberster“) hat einen Auftritt zum Showdown. Leider bleiben die meisten Raumfahrer der „Covenant“ unterentwickelte Charaktere, verzichtbares Lebendfutter für die beinahe unbesiegbaren Kreaturen. Auf Scotts erstem „Alien“-Schiff, der „Nostromo“ trug man noch Sorge um jede Nebenfigur.

Hinter aller Action geht es erneut um Schöpfertum und Schöpfung. Fassbenders Spiel des doppelten Robots ist faszinierend: Der Prototyp des Kunstmenschen, David, besitzt einen weit freieren Willen als das spätere, auf Wunsch der Kundschaft wieder stärker als Diener konzipierte Robot-Modell Walter. Was für Walter „Pflicht“ ist, sieht David als „Liebe“, aber im Verlauf ihres Disputs kommt Walter seinem humanistisch scheinbar überlegenen „Bruder“ auf die in Wahrheit fürchterlichen Schliche, die das Kolonisationsprojekt gefährden. Das Menschengeschöpf David fühlt sich dem Schöpfer überlegen und gefällt sich selbst in gottähnlichem Gestus.

Das Finale ist erschreckend, lähmend, grandios

All das wird visuell überragend präsentiert, in anthrazitfarbener Gruftdüsternis, begleitet von jener funkelnden, sickernden Musik, die den Zuschauer schon beim ersten Film 1979 höllisch nervös werden ließ. Das Finale ist dann erschreckend, lähmend, grandios. „Im Weltraum hört dich niemand schreien“ – so lautete der Slogan zum ersten „Alien“-Film. An Bord vom Raumschiffen oder auf der Oberfläche von Planeten hört man diese Schreie aber sehr wohl, und die Millionen „Alien“-Fans werden zufrieden sein mit ihnen, mit diesem Mix aus oberflächlichem Schrecken (sehr viel davon!) und tiefschürfenden Gedanken (wohl dosiert). Auch wenn manche vielleicht den verborgenen, kriechenden Horror des Originals von 1979 vermissen werden. Was Scott all den „Go space!“-Träumenden unserer Tage mit seinem Film sagt, ist: Bleibt zuhause, repariert den Mist auf Erden und lasst euch von Hawking nicht bange machen. Denn im Weltraum sind wir am Ende doch nur Beute. So bleiben wir also hier unten und warten gespannt auf den nächsten „Alien“-Film. Geplant sind noch zwei Fortsetzungen, bevor die Ereignisse dann an den ersten Auftritt von Ellen Ripley andocken.

Von Matthias Halbig/RND

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