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Harry Kupfer inszeniert Beethovens Meisterwerk

Improvisierter Fidelio Harry Kupfer inszeniert Beethovens Meisterwerk

Fünfzehn Jahre haben Daniel Barenboim und Harry Kupfer nicht zusammen gearbeitet, jetzt aber hat der Generalmusikdirektor der Staatsoper Berlin die Regielegende für eine Neuinszenierung des „Fidelio“, der einzigen Oper von Ludwig van Beethoven, an sein Haus zurückgeholt.

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Falk Struckmann (Don Pizarro), Camilla Nylund (Leonore) und Andreas Schager (Florestan).

Quelle: Staatsoper Berlin

Berlin. Der 81-jährige Kupfer, der den „Fidelio“ bereits mehrere Male an verschiedenen Häusern einstudiert hat, bringt diese Oper jetzt „als improvisierte Handlung“ auf die Bühne. „Eine Gemeinschaft von jungen Künstlern mit ihren Dozenten“ – so der Regisseur – „hatte beschlossen, dieses Stück zu untersuchen“.

Nach der Ouvertüre – Barenboim hat sich für die zweite Leonoren-Ouvertüre entschieden – stehen alle Mitwirkenden mit dem Rücken zum Publikum und schauen auf einen Vorhang, auf dem der Große Musikvereinssaal Wien abgebildet ist. Plötzlich fällt dieser herunter und gibt den Blick frei auf eine triste Wand mit Inschriften von Gefangenen. „Freiheit“ ist am deutlichsten zu lesen. Das El-De-Haus, das Gefängnisses der Gestapo-Zentrale in Köln, diente dem Bühnenbildner Hans Schavernoch als Inspirationsquelle. Schon während der Ouvertüre wird die weiße, auf einem Flügel stehende Büste Beethovens beleuchtet. Dann also beginnt das Improvisieren, denn die „jungen Künstler“ können die Rollen natürlich noch nicht auswendig. Also verschafft man sich die Noten, im Fall des Quartetts „Mir ist so wunderbar“ liegen sie, wie zufällig, auf dem Flügel neben Beethovens Büste. Man nimmt sie sich und beginnt zu singen. Dieses „Improvisieren“ wird – mit einigen nicht erklärbaren Unterbrechungen – bis zum Ende der Oper durchgehalten. Selbst zu Beginn des zweiten Aktes, also in der Kerkerszene, hat Florestan seine Noten in der Hand, dann fällt ihm ein, dass er in Ketten zu liegen hat und legt sich diese selbst an. „Und so wird daraus ein geistiger Vorgang, der sich mit dem Stück und den Figuren auseinandersetzt,“ behauptet Harry Kupfer. Das verstehe wer kann!

Diese wunderliche und keineswegs erhellende Inszenierung wird (weitgehend) gerettet von den überragenden musikalischen Leistungen der Solisten, der brillanten Staatskapelle Berlin und auch des von Martin Wright hervorragend einstudierten Staatsopernchors. Camilla Nylund hat einen silbrig schimmernden, flexiblen Sopran, der für die Titelrolle wie geschaffen ist – für die mit Vehemenz gesungenen dramatischen Passagen ebenso wie für das himmlische „Oh Gott! Welch ein Augenblick!“, wenn sie ihrem Gatten die Ketten abnehmen darf. Und dieser Gatte heißt Andreas Schager, ein Naturtalent, wie man meinen möchte. Schon das gleichmäßige Crescendo zu Beginn seiner Arie „Gott! Welch Dunkel hier!“ lässt aufhorchen, und wie er dann in ekstatischer Vision von einem „Engel Leonore“ phantasiert, das ist von ungeheurer Suggestionskraft und zutiefst ergreifend. Falk Struckmann ist ein Pizarro der besonders bösartigen, gemeinen Art: Er muss nicht dämonisch herumfuchteln und kommt auch ohne stimmliches Outrieren aus, dafür aber treffen seine subtilen Schurkereien umso gründlicher. Dass für die Partie des Rocco das finnische Urgestein Matti Salminen gewonnen werden konnte, ist ein echter Glücksfall. Wunderbar, wie er den die schrecklichen Befehle Pizarros ausführenden Kerkermeister mit väterlicher Güte und echtem Verständnis für Fidelios Ängste ausstattet.

Daniel Barenboim zeigt bereits in der Zweiten Leonoren-Ouvertüre, dass der „Fidelio“ einen ganz besonderen Platz in seinem Werkekanon einnimmt. Wie er hier mit feinen und allerfeinsten dynamischen Abstufungen eine enorme Spannung aufbaut, wie er die Schlussszene mit ihrem Jubel und ihrem mitreißenden Hymnus auf die Gattenliebe immer neu zu steigern weiß, das ist absolut überwältigend!

staatsoper-berlin.de  / Karten: 030-20 35 45 55 / weitere Vorstellungen am 7., 9., 14., 16., 25. und 28. Oktober

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