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Kampf um ein Stück Rasen

Erstaufführung von „Zoroastre“ Kampf um ein Stück Rasen

Die Komischen Oper Berlin hat mit der Neuinszenierung von Jean-Philippe Rameaus Oper „Zoroastre“ ein weiteres Mal für eine veritable Überraschung gesorgt. Es geht um die Auseinandersetzung des Herrschers Zoroastre mit seinem Widersacher.

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Erstaufführung von Rameaus „Zoroastre“ an der Komischen Oper Berlin.

Quelle: Monika Rittershaus

Berlin. Die Komischen Oper Berlin hat mit der Neuinszenierung von Jean-Philippe Rameaus Oper „Zoroastre“ ein weiteres Mal für eine veritable Überraschung gesorgt, denn das selten gespielte Spätwerk des französischen Barockmeisters ist von dem jungen, hochgelobten Regisseur Tobias Kratzer – er ist von der Fachzeitschrift Opernwelt zum „Regisseur des Jahres“ gekürt worden – auf ganz ungewöhnlich einfallsreiche Weise auf die Bühne gebracht worden. In dieser Berliner Erstaufführung des 1749 in Paris uraufgeführten und sieben Jahre später neu bearbeiteten Stückes ist Kratzer um eine moderne Deutung bemüht, ohne den Aktualitätshammer gar zu heftig zu schwingen.

   Es geht in dieser Oper um den Kampf des Guten mit dem Bösen, um die Auseinandersetzung des vernünftigen, verantwortungsbewussten Herrschers Zoroastre, der mit den Geistern des Lichtes verbunden ist, mit seinem Widersacher, dem triebgesteuerten, von dunklen Mächten beherrschten, brutalen Abramane. Beide wollen in Baktrien (im heutigen Afghanistan) herrschen. Natürlich ist auch eine Liebesgeschichte mit diesem rücksichtslos geführten Machtkampf verbunden: Amélites, die auch von Abramane begehrt wird, ist verlobt mit Zoroastre, der seinerseits von der Prinzessin Érinice geliebt wird. Mit dieser verbündet sich Abramane.

Auseinandersetzung eskaliert

   Tobias Kratzer zeigt keine königlichen Paläste und miteinander kämpfende Truppen, sondern verlegt die Handlung in zwei benachbarte Schrebergärten, deren Besitzer erbittert um ein kleines Stück Land streiten. Beide Parteien sind derart unnachgiebig, dass die Auseinandersetzung von Szene zu Szene eskaliert. Dann aber, nach heftigen Attacken von beiden Seiten, siegt das Licht über das Dunkel. In dieser Inszenierung indes wird Abramane, der Zoroastre schließlich sogar mit einem gigantischen Rasenmäher angreift, erschossen. Zur Musik des obligatorischen Happy End werden in Großprojektion zwei Kleinkinder gezeigt, deren Spielzeug den Häusern der Kontrahenten entspricht. Was für ein bitterer ironischer Kommentar auf den mit derart bösartigen Mitteln ausgefochtenen Krieg der beiden Männer!

   Der Bühnenbildner Rainer Sellmaier hat die beiden so entgegengesetzten Welten der um die Herrschaft ringenden Männer mit einem gehörigen Schuss Ironie durch und durch klischeehaft auf die Bühne gebracht. Zoroastre ist der in einem bequemen Sessel mit Leselampe sitzende Vernunftmensch, der sich in schicken Designermöbeln wohl fühlt und dem eine große, wohlgeordnete Bibliothek zur Verfügung steht. Sein Antipode kommt natürlich ganz ohne Bücher aus, hat lediglich einen Laptop, der inmitten von derben, Kleinbürgerlichkeit suggerierenden Möbeln steht. Zu einem solch primitiven Kerl, der in einem vollkommen ungepflegten Garten haust, passt natürlich eine schräg sitzende Golfkappe bestens. Schon die Optik macht also klar, dass diese beiden so andersartige Typen aneinanderrasseln müssen.

Herrscher auf Bürger reduziert

   Wie aber kann man das „Volk“ von Baktrien darstellen, wenn die Herrscher auf ganz normale Bürger reduziert worden sind? Hier ist Tobias Kratzer auf eine ebenso originelle wie absonderliche Idee gekommen. Ausgehend davon, dass das Volk häufig genug zu leiden hat unter dem, was „die da oben“ beschließen, stellt er die unter dem umkämpften Stück Rasen lebenden Ameisen als Volk dar. Da kann man beispielsweise in großformatigem Video sehen, wie es in der Welt der Ameisen regnet, wenn der Rasen begossen wird. Und wenn etwas umfällt, dann werden einige Ameisen erschlagen. Das alles ist außerordentlich geschickt gemacht und reizend anzuschauen, da die Bilder tatsächlich live erzeugt werden. Und damit man von Anfang an weiß, wie lächerlich das Objekt des blutigen Streites ist, wird dieses kleine Stück Rasen schon vor Beginn der Aufführung hell angestrahlt.

   Der helle, hohe Tenor des Engländers Thomas Walker ist zunächst gewöhnungsbedürftig, gewinnt dann aber zusehends an Schönheit des Ausdrucks, passt also vorzüglich zu der Lichtgestalt des Zoroastre. Der Franzose Thomas Dolié ist als Abramane sein hochkarätiger Gegenspieler, der seinen kraftvollen Bariton effektvoll einzusetzen weiß. Die britische Sopranistin Katherine Watson überzeugt als charmante Amélite, um die die beiden Männer kämpfen. Nadja Mchantaf  hat als Érinice die interessanteste Rolle der Oper, denn sie kämpft gegen den sich immer weiter steigernden Hass der Männer an und versucht in einer großartigen Szene im fünften Akt, ihre Gefühle in den Griff zu bekommen. Diese und alle anderen Rollen sind von hauseigenen Kräften hervorragend besetzt.

Schillernde Produktion

   Der Brite Christian Curnyn, der als Spezialist des barocken Opernrepertoires gilt und sich besonders für Rameau einsetzt, dirigiert den Chor und das Orchester der Komischen Oper Berlin mit jener Intensität, die das Werk braucht, um lebendig und interessant zu wirken. So ist eine anregende, in vielen Farben schillernde Produktion entstanden, deren teils possierliche, teils absurde  Bilderfolge hübsch anzuschauen ist. Rameaus an Arien arme, manchmal recht blutleer wirkende Klangsprache und die reichlich verschrobene Inszenierung aber waren am Premierenabend nicht jedermanns Sache, weswegen nach der Pause der eine oder andere Platz leer blieb. Am Ende dann aber viel Applaus!

  www.komische-oper-berlin.de / Kartentelefon: 030-47 99 74 00 / Weitere Aufführungen: 24. und 28. Juni, 6., 8. und 14. Juli 2017

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