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Kassel und Kabul trennen Welten? Von wegen

Kunst Kassel und Kabul trennen Welten? Von wegen

Die documenta nimmt ihre Rolle als Weltkunstausstellung wörtlich und blendet Kassel und Kabul vielfach übereinander.Nicht immer ist der Weg so geradlinig wie bei Mariam Ghani, die mit der Kamera in der Hand durch das Museum Fridericianum in Kassel und einen zerstörten Palast in Kabul lief und dabei erstaunliche Parallelen vom Grundriss bis zur Geschichte zutage förderte.

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Masood Kamandy, amerikanischer Künstler mit afghanischen Wurzeln, vor seinen Bildern.

Quelle: Uwe Zucchi

Kassel. e. Ihre Video-Doppelprojektion läuft nicht nur ab Samstag auf der documenta in Kassel, sondern ab 20. Juni auch bei einer Parallelausstellung in Kabul.

Manchmal führt der Weg zwischen Kassel und Kabul über Italien und Mexiko-City - aber der Umweg lohnt sich, denn, wie der Mexikaner Mario Garcia Torres sagt: "Es sind die Details, die manche Geschichten interessanter machen als andere." In diesem Sinne: Es war einmal ein italienischer Künstler, der betrieb in den 1970er Jahren in Kabul ein Hotel. Dort webte er Landkarten mit sich ständig verändernden Grenzen, die bei der documenta 5 ausgestellt werden sollten, aber nicht rechtzeitig ankamen. 40 Jahre später ist die "mappa" von Alighiero Boetti nun endlich in Kassel angekommen.

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Mehrkanal-Soundinstallation des afghanischen documenta-Künstlers Abul Qasam Foushanji.

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Dass das möglich war, liegt an Mario Garcia Torres. Der begab sich 2001 auf die Suche nach den Spuren des 1994 verstorbenen Kollegen. Er schrieb ihm fiktive Faxe, in denen er ihm Bericht erstattete, fand schließlich die Hotelruine und baute sie wieder auf. Er interviewte die Nachbarn und drehte einen Film über seine Zeit in Afghanistan. In Kassel sind Boetti und Torres nun vereint.

Etliche westliche Künstler besuchten vor der documenta Kabul und brachten von dort Arbeiten für Kassel - und/oder Kabul - mit: der in Mexiko lebende Niederländer Francis Alys filmte spielende Kinder, die in Berlin lebende Britin Tacita Dean gab bei einem afghanischen Kameramann einen "blinden" Film in Auftrag. Die in London lebende Polin Goshka Macuga fotografierte eine Festgesellschaft in Kassel und eine in Kabul und zeigt an beiden Orten je eine Hälfte des 360-Grad-Rundbildes.

"Family Stories" heißt die Arbeit der in Berlin lebenden afghanischen documenta-Künstlerin Jeanno Gaussi. Sie zeigt Gemälde des afghanischen Malers Ustad Sharif, angefertigt nach den Original-Fotos ihrer Familienmitglieder. Die Fotos nahm ihre Familie mit, als sie Afghanistan verlassen mussten.

"Unter Belagerungszustand, im Zustand der Hoffnung, im Rückzug und auf der Bühne" - das sind nach Worten der künstlerischen Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev die Leitthemen dieser documenta (13): vier Bedingungen oder Zustände, unter denen Kunst am besten entsteht. Und nirgendwo lägen diese enger beisammen als in Kabul, sagte sie bei der Vorstellung ihres Konzepts. Grund genug, Kabul zum Außenstandort der documenta zu erklären. Die documenta hat dort auch Seminare für junge Künstler in Afghanistan organisiert; die Ergebnisse sind nun in einem ehemaligen Krankenhaus zu besichtigen.

Eine nahezu perfekte Illustration eines weiteren Generalthemas der documenta (13) schuf der Amerikaner Michael Rakowitz: "Zusammenbruch und Wiederaufbau". Er ließ für die documenta in Afghanistan Stein-Duplikate von Büchern anfertigen, die im Zweiten Weltkrieg bei der Bombardierung des Fridericianums zerstört wurden. Sie sind aus dem gleichen Stein gemeißelt wie jene Buddha-Figuren, die die Taliban 2001 in Bamiyan sprengen ließen.

dpa

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