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Neues von den Fleet Foxes – und Brian Wilson lächelt

Pop Neues von den Fleet Foxes – und Brian Wilson lächelt

Neuer Anlauf nach sechs Jahren Plattenpause: Die Fleet Foxes aus Seattle machen auf ihrem dritten Album „Crack-Up“ progressiven Folk, wie ihn die Welt noch nicht gehört hat.

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Kampf um ein Stück Rasen

Mögen Musik nur, wenn sie schlau ist: Die Fleet Foxes um Sänger und Songwriter Robin Pecknold (Mitte) haben ihr drittes Album „Crack-Up“ am Start.

Quelle: Shawn Brackbill/Warner/dpa

Seattle/Hannover. Neulich erst haben wir an die lang vermissten Fleet Foxes gedacht. Da hatten wir „Pure Comedy“ im CD-Player, das neue, dritte Soloalbum von Joshua Michael Tillman alias Father John Misty, der bis 2012 Schlagzeuger der Foxes war. Die Musik explodierte aus den Boxen, es klang wie das Album, auf das Elton-John-Anhänger seit „Captain Fantastic and the Brown Dirt Cowboy“ (1975) warten. Pomp-Pop par excellence. Schon lange hatten die Siebzigerjahre nicht mehr so plüschgolden geleuchtet wie auf diesem schwelgerischen Ufo voller grandioser, indes nicht allzu einfach mitsingbarer Melodien.

Sachte Gitarren und Minimal-Music-Schleifen

Und jetzt kommt also Father John Mistys Ex-Band, die Fleet Foxes, mit ihrem erst dritten Album, das „Crack –Up“ heißt und aus (anderem) Holz geschnitzt ist, aus (immer noch) Folk. Aber was für einem: Einem, der mit zarten, tastenden und raunenden Stimmen anhebt, einem mit filigranen Gitarren, einem mit sporadischen Ausbrüchen in die Harmoniewelt der Beach Boys unter dem Genie Brian Wilson. In dem sich sogar Minimal Music à la Philipp Glass eingewoben findet, ein Folk, der manchmal still steht und einfach nur gleißt und funkelt und bewundert wird wie Wagners „Rheingold“.

Wunderschöne Musik ohne kommerzielles Kalkül

Dieser Fortschritt ist kurios, verwirrend schön, spannend. Der Fleet-Foxes-Folk gefällt sich in 55 Minuten im Kleid des Progressivrock, ist komplex, enthält jazzige Passagen und ist dabei doch so zart und ungemein zerbrechlich wie die „last september cobwebs“ von Magna Carta oder die pophistorische Kräuterspirale mit „parsley, sage, rosemary and Thyme“ von Simon & Garfunkel. Und wenn Hauptsänger Robin Pecknold seine Lieder erst einmal erklärt – mittels labyrinthischer Verbalzeichnungen darüber, welche Stimmlage Vor- und welche Nachzeitigkeit bedeutet – ist der Fan von Rockmusik hin und weg. Dieser Band ist die Freiheit des Musik-Erschaffens hörbar wichtiger als kommerzielles Kalkül, die mögliche Erweiterung ihres Publikums. „Crack-Up“ heißt Zusammenbruch.

Wie in den Abenteuerjahren der Rockmusik

Und ist auch einer – der Zusammenbruch der Fleet Foxes, wie wir sie kannten. Wer unter dem neuen Folk das Heititei-Yippie-Yeah der Lumineers aus Denver versteht, wer feste mitsingen und die Heubodenpolonaise anführen will, den wird „Crack-Up“, das wie ein einziger Song aus verwobenen Songfragmenten wirkt, nicht erobern. Stehen am poppigen Ende der auch schon wieder einigermaßen abgeschwollenen Folkbewegung die britischen Mumford & Suns, so haben sich die Foxes 2017 ganz weit weg am gegenüberliegenden, experimentellen Ende eingerichtet. Wechsel in Tempo, Rhythmus, Stimmung werden hier so weidlich zelebriert wie in den Abenteuerjahren der Rockmusik, die 50 Jahre von heute entfernt im Gestern liegen. Und manchmal geht es sogar noch weiter zurück: „Fool’s Errand“ klingt wie eine Meditation von Don und Phil Everly über Pink Floyd.

Essay von F. Scott Fitzgerald als Vorlage

„Crack-Up“ gründet auf einem Essay des „Der große Gatsby“-Autors F. Scott Fitzgerald, in dem dieser davon schreibt, wie er nichts anzufangen weiß mit Ruhm und Erfolg, ein alkoholsüchtiger Mann mit einer schizophrenen Ehefrau. Vor sechs Jahren hatte Pecknold in den Texten von „Helplessness Blues“ bereits mit Gedanken ans Aufhören gespielt. Die Begeisterung der Leute für seine Musik hatte ihn eher befremdet als befeuert. Vier Jahre lang lag die Band dann ganz still, Pecknold studierte an der Columbia University vornehmlich Literatur – was sich in den Lyrics und einzigartigen Liedtiteln wie „Cassius“ oder „Naiads, Cassadies“ oder „Mearcstapa“ niedergeschlagen hat. Belesenheitsmusik.

Der Song „Third of May/Odaigahara“, mit knapp neun Minuten das längste Stück des Albums, handelt davon, dass es auch zu Ende hätte sein können mit der Musik der Foxes. Er erzählt von den Leuten in der Band, Freunden, die sich fremd werden durch die viele Nähe, die sich beim Touren und Kreieren auf die Nerven gehen. Nicht immer stand die Beziehung des zu Gitarrist und Jugendfreund Skyler Skjelset zum Besten. „Licht hat die Nacht zwar beendet“, singt ein gekränkt wirkender, Versteck suchender Pecknold, „aber der Song ist geblieben.“ Ein autobiografisches Album, eine Erzählung in Songkapiteln, darauf verweisen auch die kleinen Verortungsnotizen im Booklet.

„Ich bin alles, was ich brauche“

Den Albumtitel will der Sänger sowohl als psychologischen Zustand als auch als Zustand der Welt verstanden wissen. Viele der Zeilen auf „Crack-Up“ sind allerdings verschlossen, kryptisch, schwer dechiffrierbar, der Protestsong (in den Sechzigern ein Vorrecht des Folk, heute quer durch alle Genres wieder in Mode) wird von Dylan-Fan Pecknold zumindest nicht offen gepflegt. „Ich bin alles, was ich brauche und werde das sein bis ich vollendet bin“, sind die ersten Worte des bekennenden Soziophobikers, dessen Vollendung noch zehn Alben von diesem liegen möge. Und der seine Musik als Kunst versteht: „Wenn ich nicht Widerstand leiste, werde ich verstehen?“ fragt er am Ende. Zusammenbruch ist hier Aufbruch. Die Fleet Foxes sind cracked-up, aufgebrochen in den unendlichen Kosmos der Musik. Wir folgen ihrer Spur. Und Brian Wilson lächelt.

Fleet Foxes live: am 25. Juni in Berlin (Festsaal Kreuzberg); am 12. November 2017 in Hamburg (Docks), am 13. November in Berlin (Columbiahalle), am 1. Dezember in Köln (Palladium)

Von Matthias Halbig / RND

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