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"Orfeo ed Euridice" ohne Happy End

Staatsoper Berlin "Orfeo ed Euridice" ohne Happy End

"Orfeo ed Euridice"  feierte an der Staatsoper in Berlin Premiere. Es war eine glanzvolle Inszenierung der Originalfassung.

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An der Staatsoper Berlin wurde die Oper „Orfeo ed Euridice“ von Christoph Willibald Gluck neu inszeniert.

Quelle: hfr

 Im Mittelpunkt der diesjährigen, von der Staatsoper Berlin veranstalteten „Festtage“ stand die Neuinszenierung der Oper „Orfeo ed Euridice“ von Christoph Willibald Gluck. Man spielte die Wiener Fassung von 1762, also jene Originalversion der ersten Reformoper, mit der der Komponist ein neues Kapitel in der Operngeschichte aufgeschlagen hat. Hier sollte die Handlung nicht mehr, wie er im Vorwort sagte, „durch unnütze und überflüssige Verzierungen abgekühlt werden.“ Halsbrecherische Koloraturen und Da-capo-Arien, wie wir sie von Händel und anderen Barockkomponisten kennen, waren also „out“, statt dessen sollte „schöne Einfachheit“ vorherrschen.

   Der Regisseur Jürgen Flimm hat den Orpheus-Mythos in unsere Zeit übersetzt und konnte für das Bühnenbild den berühmten amerikanischen Architekten Frank Gehry gewinnen, oder besser gesagt: dessen Partner. Im Programm steht jedenfalls „in Kooperation mit Gehry Partners, LLP“ – was immer das bedeuten mag. Zu Beginn der Oper sehen wir eine schwarz gekleidete Trauergemeinde, die zusammen mit Orfeo den Tod der Euridice beklagt. Ein großes Feuer lässt darauf schließen, dass sie eingeäschert wurde. Man wirft weiße Blumen in ihr Grab, Orfeo aber öffnet seinen Geigenkasten und streut ihre Asche in das Grab. Wenn Amor ihm die Möglichkeit eröffnet, er könne die Geliebte wieder zurück ins Leben holen, dürfe sie jedoch auf dem Weg aus dem Hades in die „normale“ Welt nicht anschauen, willigt er ein und kommt, nachdem ihm schaurige Furien den Weg in die Unterwelt zunächst mit brutalen Mitteln verwehrt hatten, in ein Elysium, von dessen Schönheit er (und das Publikum!) überwältigt ist. Hier wird die Handschrift von Frank Gehry besonders deutlich, denn die in grellen Farben zusammengefügten, geometrischen Flächen ergeben ein betörend harmonisches Ensemble – was für eine Augenweide! Den Weg „nach oben“ schildert Flimm auf drastisch moderne Weise. Was soll Euridice denn auch von einem Mann halten, der zwar vorgibt, sie zu befreien, sie aber keines Blickes würdigt? Sie rebelliert, und so entwickelt sich in einem Hotelzimmer ein handfester Ehekrach. Wenn es immer schlimmer wird, wenn sie durch nichts mehr zu beschwichtigen ist, greift Orfeo schließlich zur Flasche und stellt das Fernsehen an. Aber auch das hilft nicht und so schaut er die Geliebte dann endlich an und  –  verliert sie jetzt für immer. Er denkt an Selbstmord, aber in dem Augenblick, wenn er sich mit einer Pistole in den Kopf schießen will, ist Amor von seinem Liebesleid so gerührt, dass er Euridice ein zweites Mal zum Leben erweckt. Diese aber gesellt sich ohne Orfeo zu den Paaren, die einen festlich-fröhlichen Tanz aufführen, verliert sich im Getümmel und verschwindet nun endgültig. Allein zurückgelassen verstreut Orfeo die letzte Asche aus seinem Geigenkasten. Hier freilich ist der Originalfassung von 1762 ein melancholisches Orchesterstück aus Glucks für Paris geschriebenen „Orphée et Euridice“ hinzugefügt worden, denn eigentlich geht die Geschichte ja harmonisch und fröhlich aus, indem die beiden mit all den anderen den Triumph Amors in glücklichem Chorgesang preisen.

   Mit dem Darsteller des Orfeo, der während der ganzen Oper auf der Bühne steht und absoluter Mittelpunkt ist, steht und fällt eine Aufführung. Die Staatsoper Berlin hat mit dem Countertenor Bejun Mehta den wohl besten Sänger dieser Rolle verpflichten können. Mühelos bewältigt er diese herausfordernde Partie. Seinem herrlichen Countertenor entströmt wahrlich seraphischer Gesang von überirdischer Schönheit. Aber er singt nicht nur schön, sondern auch höchst expressiv, was besonders der berühmten Arie „Che farò senza Euridice“ zugute kommt. Auch gestaltet er sie durch Gestik außerordentlich lebendig, als herzzerreißendes Klagelied. Anna Prohaska kann in der sehr viel kürzeren Rolle der Euridice mit vollem, schönen Sopran punkten, und Nadine Sierra ist ein köstlicher Amor in Gestalt eines jungen Mannes.

   Daniel Barenboim dirigierte die Staatskapelle mit Liebe zum Detail, einem untrüglichen Gespür für das richtige Tempo und trug so dazu bei, dass dem sich enthusiastisch bedankenden Publikum eine Sternstunde beschert wurde.                  

www.staatsoper-berlin.de

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