12 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
Die Liebe tut sich schwer

Premiere im Thalia Theater Die Liebe tut sich schwer

Luk Perceval inszenierte unter dem Titel Liebe. Trilogie meiner Familie den ersten Teil der als Trilogie geplanten Adaption von Emile Zolas Romanreihe um die Familie Rougon-Macquart aufspannt: Prekariat und Bürgertum. Und die Liebe tut sich schwer im Thalia Theater.

Voriger Artikel
Überraschung in San Sebastián: Hauptpreis für "Sparrows"
Nächster Artikel
Banksys "Dismaland" spielt Millionen ein

"Liebe. Trilogie meiner Familie" feierte Premiere am Thalia Theater.

Quelle: Armin Smailovic

Hamburg. Ist das Liebe? Der Stiefvater, der die Tochter begrapscht, ihr Schminke schenkt und weit Schlimmeres tut. Der Bruder, der es genauso macht. Die Männer, von denen die gutmütige Gervaise sagt, „das brauch ich nicht mehr“ – und die sie doch wieder ranlässt, wenn sie nur ein bisschen nett zu ihr sind. Oder Doktor Pascal, der Arzt, der in seiner Nichte Clotilde plötzlich mehr sieht als das Mädchen, das bei ihm aufwuchs.

Das sind die Koordinaten, zwischen denen Luk Perceval unter dem Titel Liebe. Trilogie meiner Familie den ersten Teil der als Trilogie geplanten Adaption von Emile Zolas Romanreihe um die Familie Rougon-Macquart aufspannt: Prekariat und Bürgertum. Und die Liebe tut sich schwer an diesem Abend, der bei den Ruhrfestspielen uraufgeführt wurde und jetzt ins koproduzierende Thalia Theater gezogen ist.

Auf der Bühne drängt eine mächtige Woge aus Holzdielen (Bühne: Annette Kurz) nach vorn. Eine Wand, auf der dreizehn Akteure balancieren. Die sie mutig besteigen, gegen die sie anrennen und an der sie herunterrutschen – das geht manchmal schneller als gedacht. Zuerst übermütig wie ein Spiel, nach dem sich Gervaise resolut wieder aufrappelt; später eine Rutschbahn in die Niederungen des Lebens. Und wie sich die unglaubliche Gabriela Maria Schmeide nach jedem Fall wieder die Jacke überm Busen zurechtzieht, den Körper strafft, das zerbrochene Gesicht neu zusammensetzt, wird daraus eine große Fabel von der Armut und vom Scheitern der kleinen Leute.

Denn darum geht es wirklich an diesem Abend: Um Lebenswege. Darum, wie sich die Familienbiografie mit ihren hellen und dunklen Flecken einprägt in spätere Generationen. Um Bestimmung, und ob man ihr entkommt. Das Forschungsfeld von Doktor Pascal, der die entfernte Kusine Gervaise aus dem illegitimen Teil der Familie wie überhaupt die ganze verzweigte Sippe akribisch beobachtet und dokumentiert. Weil „allein das Leben weiß, was es tut und wohin es geht“. Das Forschungsfeld auch von Luk Perceval, dem bekennenden Buddhisten, der vor einem halben Jahr in Grass‘ Blechtrommel auf filigrane Spurensuche ging und mit Zola nun die eigene Familiengeschichte befragt.

Perceval hat in diesem ersten Teil die Romane Der Totschläger und Doktor Pascal zu einer Art Spiegelkabinett montiert, in dem sich die Ebenen und Milieus ständig durchkreuzen, ohne einander je zu berühren. Und er schickt seine Akteure direkt in das 19. Jahrhundert von Emile Zola. Die wirken mit ihren Hauben, Krinolinen, Gehröcken erstmal wie verkleidete Zeitreisende, gekommen, um der Vergangenheit und damit auch ihrer Gegenwart eine andere Wendung zu geben. Aber bald schon stecken sie, begleitet von Lothar Müllers melodramatischer Gitarre viel zu tief drin im Familiensumpf - und in ihren Rollen. Kein Ausweg nirgends.

Das ergibt hoch aufgeladenes Schauspieler-Theater; selbst dem verletzten Stephan Bissmeier, der den Premierenabend im Sitzen absolvieren muss, gelingt es, den verliebten Doktor Pascal in eine präsente, wissend-träge Resignation zu hüllen. Aber wie sich die Elendsspirale wie auf Schienen gesetzt fortsetzt auf das vorhersehbare Ende hin, dazu fallen einem bald Gerhart Hauptmann und Die Ratten ein. Auch die Film-Brüder Dardenne ( Das Kind, Der Junge mit dem Fahrrad) – die allerdings haben die den Naturalismus kinotauglich in die Gegenwart geholt. Perceval tut das nicht. Und so hat seine Studie von der Krankheit des Lebens und der Armut ihre berührenden Momente, Hauptmanns Milieudramen aber auch wenig hinzuzufügen.

Thalia Theater Hamburg. Vorstellungen: 2., 9., 15., 16. Oktober. Kartentel. 040/32814444, www.thalia-theater.de

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Nachrichten: Kultur aus der Welt 2/3