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Eine Reise ins Unterbewusste

Rolando Villazón in Berlin Eine Reise ins Unterbewusste

Ein echter Erfolg, der Abend des Rolando Villazón mit "Juliette" an der Staatsoper in Berlin. 

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Fulminanter Auftritt: Magdalena Kozená (Juliette) und Rolando Villazón (Michel).

Quelle: Monika Rittershaus

Berlin. Es ist ein namenloses Land der Gedächtnislosen, das Michel bereist, um seine Geliebte, seine Juliette, wieder zu finden. Aber niemand erinnert sich an sie, und das Hotel, in dem er sie gesehen hat, das scheint es auch nicht zu geben – niemand weiß von der Existenz dieses „Hotel du Navigateur“. Aber Michel, der Buchhändler aus Paris, sucht weiter nach dieser Frau, stößt immer wieder auf Leute, die nichts wissen, sich an nichts erinnern können, und bald glaubt er auch, dass er Trugbildern nachjagt. Oder hat er sie tatsächlich einmal getroffen und ihr seine Liebe erklärt? Und als sie sich über ihn lustig machte, hat er sie da nicht erschossen? Oder war das nur der Schuss eines Waldhüters, der eine Schnepfe geschossen hat?

Um diese scheinbar absurden Fragen geht es in der 1938 in Paris uraufgeführten Oper „Juliette“ von Bohuslav Martinů, die jetzt an der Staatsoper Berlin in glanzvoller Besetzung Premiere hatte. So verworren der erste Eindruck auch sein mag: Alles dreht sich um die Fragen, wo die Grenzen zwischen Realität und Imagination liegen, und ob denn eine Liebeserklärung wie „Ich liebe dich“ wirklich den anderen in seiner Ganzheit meint, oder ob der Liebende nicht doch nur an das Bild denkt, das er „von dem anderen im Kopf hat“, wie Claus Guth, der Regisseur der „Juliette“, formuliert. In dieser Oper wird die Liebe zu einer Frau, zu Juliette, zu einer Obsession, die den ewig suchenden Michel in nie enden wollende, furchtbare Konflikte stürzt, denn die Oper beginnt wieder von vorne, wenn man glauben könnte, sie sei zu Ende. Die Suche nach der idealen Liebe, nach der Lichtgestalt Juliette geht weiter, und nicht nur Michel sucht nach ihr, sondern auch all die Namenlosen, wie „der Hotelboy“, „der Bettler“, der „Sträfling“... Aber noch nicht einmal der Beamte, der im dritten Akt „das zentrale Traumbüro“ verwaltet, kann da weiterhelfen.

„Wir wollen,“ sagt Claus Guth, „eine Reise ins Unterbewusste erzählen, die Monstrosität einer Person, und ihre Abgründe beleuchten.“ Sein Bühnenbildner Alfred Peter hat ihm einen türlosen Raum in verschiedenen Grauabstufungen gebaut, der nur für die relativ kurzen Auftritte der Juliette Farbe bekommt, durch ihr rotes Kleid und ihr rotes Tuch. Und das Grün von riesigen Blättern kommt hinzu, wenn Michel ihr sein „Ich-liebe-dich“ gesteht. Der ganze dritte Akt aber, wenn Michel ebenso wie all die anderen vergeblich eine Juliette sucht, spielt dann wieder in nebeligem Grau in Grau, in beklemmender Raumlosigkeit.

Eigentlich ist dies eine One-Man-Show für Rolando Villazón, der in der Rolle des Michel in allen drei Akten fast ständig auf der Bühne ist. Es ist phänomenal, mit welcher Intensität er sich mit dieser tragikomischen Figur des Buchhändlers aus Paris identifiziert. Das Getriebensein des ewig Suchenden mit all den dazugehörigen Nervositäten und Verrenkungen ist eine darstellerische Meisterleistung. „Kommt sie, kommt sie nicht“ fragt er sich mehrmals, zupft an den mitgebrachten Rosen und versucht die verschiedensten Gesten, wie er sie wohl Juliette am eindrucksvollsten übergeben kann. In jeder Geste, in den kleinsten Bewegungen drückt er seine Verzweiflung und sein Minderwertigkeitsgefühl aus, mit einer Intensität, die weh tut, die unter die Haut geht. Für diese Partie muss sein Tenor wahrlich nicht mehr die Belcanto-Qualitäten von einst haben, denn hier kommt es hauptsächlich auf Wahrhaftigkeit, auf Ausdruck an. Dennoch gibt es immer wieder kurze Augenblicke, in denen sein Gesang an die glorreichen Zeiten von früher erinnert. Von der Titelfigur, die nur wenige Auftritte hat, wird lediglich verlangt, dass sie schön und verführerisch singt, und das kann Magdalena Kožená wie kaum eine andere. In ihrem knallroten Kleid wirkt sie ebenso erotisierend wie enigmatisch. Auch die vielen kleinen Partien sind vorzüglich besetzt.

Daniel Barenboim entlockt der Staatskapelle Berlin einen Klang, der Martinůs nervöser, kleingliedriger Partitur in jeder Hinsicht gerecht wird und aus ihr ein überzeugendes großes Ganzes macht. In der außergewöhnlichen Liebesszene, die eigentlich, wie Claus Guth sagt, „die Pervertierung eines klassischen Liebesduetts darstellt“, entwickelt das Orchester eine derart verzehrende Glut, dass der durch Juliettes Spott verursachte tragische Absturz umso schmerzhafter wirkt. Begeisterter Applaus für alle, trotz einer Länge von über drei Stunden.

Nächste Vorstellung

Sonnabend, 18. Juni, Infos unter: www.staatsoper-berlin.de

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