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Sammler Christian Boros: Kunst im Nazi-Bunker

Kunst Sammler Christian Boros: Kunst im Nazi-Bunker

Mit 18 bekam Christian Boros Geld für ein Auto - und kaufte sich stattdessen eine Holzkiste von Joseph Beuys. Heute ist der Wuppertaler Unternehmer einer der wichtigsten Sammler zeitgenössischer Kunst in Deutschland.

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Der Hochbunker, Wohnsitz und Ausstellungsgebäude des Kunstmäzens Boros, in Berlin.

Quelle: Maurizio Gambarini

Berlin. Im Zentrum Berlins hat er einen ehemaligen Nazi-Bunker zu einem atemberaubenden Privatmuseum umgebaut.

Fast 200 000 Menschen zog die Ausstellung seit 2008 an. Rund 700 Bilder, Skulpturen und Installationen hat Boros inzwischen gemeinsam mit seiner Frau Karen gesammelt. Starkünstler wie Olafur Eliasson, Jonathan Meese, Damien Hirst und Anselm Reyle gehören dazu, aber auch weniger bekannte Namen wie der Informationskünstler Henrik Olesen und die junge Kitty Kraus. Viele von ihnen waren auch schon bei der documenta zu sehen.

"Ich kaufe gern Kunst, die gerade passiert", sagt Boros in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. "Darunter sind auch Sachen, die mir am Anfang gar nicht gefallen haben. Aber Kunst ist ja dafür da, irritierend zu sein. Sie soll nicht nur das bestätigen, was wir eh' schon denken."

Am liebsten sucht der 47-Jährige seine Sachen frisch in den Ateliers - mit einer Mischung aus Wagemut und Leidenschaft. Viele der Künstler hat er schon gekauft, als sie noch längst nicht die großen Nummern im Kunstmarkt waren, andere hat er überhaupt erst entdeckt. Auf die Entwicklung zeitgenössischer Kunst dürfte er damit mehr Einfluss haben als so manches staatliche Museum, dem das Geld für solche Ankäufe fehlt.

Boros dagegen muss nicht knausern. In Polen geboren und in Köln aufgewachsen, betreibt der Selfmademan seit 1990 eine florierende Werbeagentur in Wuppertal - mit Kunden von der Art Cologne über Coca Cola bis zum Musiksender Viva. Längst gibt es auch eine Dependance in der Bundeshauptstadt. Und seit zwei Jahren den Berliner Verlag Distanz, der anspruchsvolle Kunstbücher herausbringt.

Sein Geld steckt Boros in die Sammlung. "Irgendwann haben wir gemerkt, dass wir immer mehr horten und anhäufen in unseren Holzkisten und inzwischen Gabelstapler brauchen, um sie hin- und herzuschieben", erzählt er. "Aber dafür ist Kunst nicht gemacht. Kunst ist gemacht, um angeschaut und mit anderen geteilt zu werden. Das wollten wir."

2003 kauft er den alten Hochbunker in der Nähe des S-Bahnhofs Friedrichstraße. Der massige Stahlbetonquader, von den Nazis als Schutzraum für bis zu 2000 Menschen gebaut, später Gefängnis der Roten Armee, Bananenspeicher der DDR und härtester Nach-Wende-Club Deutschlands, wird in fünfjähriger Arbeit zu einem Hort der Gegenwartskunst - einschließlich Penthouse, Pool und Garten auf dem Dach.

"Christian Boros wollte nicht nur einen Raum schaffen und Dinge hineinstellen, sondern die Künstler in den Umbauprozess mit einbinden", sagt die vietnamesische Studentin Quynh Tran bei einer der Wochenendführungen durch das Haus.

So lässt Olafur Eliasson in einem der höchsten Räume einen Ventilator an langer Schnur zu seinem eigenen Rhythmus tanzen. Katja Strunz verteilt ihre gefalteten Flugobjekte so auf den mehrfach nach oben durchbrochenen Wänden, dass sie aus verschiedenen Fenstern immer neu zu sehen sind. Und die monumentalen schwarzen Säulen von Santiago Sierra wurden so in die Betonwand gefräst, dass sie das Haus wohl nie wieder verlassen werden.

Rund 150 Objekte von 57 Künstlern waren in den vergangenen Jahren im Boros-Bunker zu sehen. In der Sommerpause soll bis zum 16. September eine neue Schau erarbeitet werden. Ob der Chef selbst ein Lieblingsobjekt unter all seinen Schätzen hat? "Nein, das wechselt", sagt er. "Oft sind es meine letzten Erwerbungen, weil sie den Reiz des Neuen haben. Aber genauso gut gibt es auch alte Liebschaften, die über Jahre und Jahrzehnte halten."

dpa

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