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Sind die Filmfestspiele frauenfeindlich?

Cannes Sind die Filmfestspiele frauenfeindlich?

Immer rauf aufs rote Treppchen: Die Frauen in Cannes sind vor allem als Objekte für Objektive der Fotografen gefragt. Ausgezeichnet werden sie selten. Dafür sorgt das Plakat der Filmfestspiele für große Aufregung bei Feministen.

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Original und Fälschung: Auf dem Schnappschuss von 1959 ist Schauspielerin Claudia Cardinale schlank und schön, ...

Cannes. Die Frauen und das Filmfestival Cannes: Das ist ein schier endloses Thema – und eines, bei dem das Festival gewöhnlich desto schlechter wegkommt, je mehr es sich müht, dem weiblichen Geschlecht zu huldigen. Da ist zum Beispiel die Sache mit dem Plakat zur aktuellen 70. Geburtstagssause. Es prangt in diesen Tagen überall in dem überfüllten Städtchen an der französischen Côte d’Azur – in Megagröße am Festivalpalais hoch über den berühmten 24 roten Treppenstufen, über die seit Mittwoch Julianne Moore, Marion Cotillard, Charlotte Gainsbourg, Michelle Williams und noch ein paar andere Stars gepilgert sind.

Vielleicht haben die Damen ja mal hochgeschaut auf ihrem Weg in den Kinohimmel: Zu sehen ist auf dem Plakat die italienische Filmdiva Claudia Cardinale in jungen Jahren. Sie tanzt barfuß und mit wehendem Rock. Das Foto, entstanden 1959 auf einem Dach in Rom, zeigt sie voller Schwung und Elan. Cannes hatte an der Original-Cardinale trotzdem etwas auszusetzen: Die Aufnahme wurde technisch nachbearbeitet, Taille und Oberschenkel wurden verschlankt.

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Am Mittwoch wurden in Südfrankreich die 70. internationalen Filmfestspiele von Cannes eröffnet. Auf dem roten Teppich präsentierten sich die Stars in bezaubernden Roben.

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Die heute 79-jährige Cardinale („Der Leopard“), nach eigenen Worten überzeugte Feministin, sieht in der Retusche keinen männlichen Zugriff auf den weiblichen Körper. „Vergessen Sie nicht, es ist nur Kino!“, meldete sie sich zu Wort. Ansonsten aber fielen die Reaktionen harsch aus: Wenn schon die Cardinale den Schönheitsansprüchen nicht genüge, wer dann? Und kriegt die Festivalleitung in ihrer glitzernden Parallelwelt überhaupt mit, was sonst so in der Welt geschieht?

Momentan wird in Frankreich ein Gesetz umgesetzt, wonach es verboten ist, mit magersüchtigen Models Werbung zu betreiben. Per Gesundheitszeugnis müssen die Frauen künftig nachweisen, dass ihr Gewicht in einem gesunden Verhältnis zur Körpergröße steht. Ohne Bescheinigung drohen hohe Geldstrafen und sogar Gefängnis für Veranstalter von Modenschauen.

Das dürfte teuer werden in Cannes: Das Festival ist eine Marathon-Modenschau, ein einziger Laufsteg. Juweliere behängen die Stars mit sündhaft teurem Schmuck, bevor diese den steilen Aufstieg zum Palais absolvieren. Ein beliebtes Spiel momentan lautet: Wer war die Schönste in all den 70 Jahren? Lady Diana im eisblauen Kostüm? Madonna im Spitzbustier? Oder die aktuelle Zeremonienmeiserin Monica Bellucci in schwarzer Robe?

Kirsten Dunst hat ausgeplaudert, dass sie die Ausstattung als Jurymitglied im Vorjahr drei Monate Vorbereitungszeit gekostet habe. In diesem Job musste sie jeden Tag zweimal aufs Treppchen, diverse Empfänge und Partys gar nicht mitgezählt. Glücklicherweise schickte Chefsponsor Chopard in letzter Minute mit dem Privatjet noch schnell zehn Karat schwere, pinkfarbene Ohrringe hinterher. Dieses Jahr muss sich Dunst nur einmal für den roten Teppich schick machen – am kommenden Mittwoch mit ihrem Film „Die Verführten“.

Im Wettbewerb um die Goldene Palme sind nach wie vor weniger Regisseurinnen vertreten als weibliche Vorstände in deutschen Dax-Unternehmen – dieses Jahr genau drei von 19 Teilnehmern. Es gab auch schon Wettbewerbe, in denen gar keine Frau gemeldet war. Bislang hat auch nur eine einzige die Goldene Palme gewonnen. Das war vor einem knappen Vierteljahrhundert: Die Australierin Jane Campion musste sich 1993 die Trophäe mit dem Chinesen Chen Kaige teilen.

Der Lieblingsort, den Cannes Frauen zuweist, ist der vor den Kameras, wo sie sich vor Fotografen drehen und lächeln und gut aussehen sollen. Aber bitte in High Heels: Im Vorjahr leistete sich das Festival einen Skandal, als ruchbar wurde, dass Kinobesucherinnen ohne hohe Absätze nicht in die Galavorstellungen gelassen wurden. Die Festivalleitung ruderte wenig überzeugend zurück.

Das ist auch kaum möglich, wenn man gleichzeitig ausgerechnet einen Kosmetiksponsor dafür antreten lässt, Frauen zu mehr Gleichberechtigung im männerdominierten Kinogeschäft zu verhelfen. Der Kering-Konzern, zu dem Luxusmarken wie Gucci oder Yves Saint Laurent gehören, veranstaltet in Cannes illustre Talkrunden mit Robin Wright, Salma Hayek oder Diane Kruger. Ein Preis wird bei „Women in Motion“ auch vergeben. Am Sonntagabend ist Isabelle Huppert die Glückliche. Hat sich die kühle Französin je dafür interessiert, welcher Mann nach ihr im Filmabspann genannt wird?

Von Stefan Stosch/RND

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