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„Spirit“: So gut ist das neue Album von Depeche Mode

Synthie-Pop-Trio „Spirit“: So gut ist das neue Album von Depeche Mode

Das neue Album von Depeche Mode musikalisch aufregend zu nennen, wäre etwas übertrieben. Es ist ein besonders düsteres geworden. Das Bemerkenswerteste aber sind die Texte: Die britische Band wird politisch und wertet das gesellschaftliche und das Welt-Geschehen aus.

Der Sänger von Depeche Mode, Dave Gahan (r), und Gittartist Martin Gore (l).
 

Quelle: dpa

Berlin.  Es geht eigentlich nur um Musik. Um was sonst sollte es sich drehen, fällt der Name Depeche Mode? Synonym für ein Faszinosum. Wäre dieses Konstrukt eine Immobilie, man hätte das Gerippe einer Industriebrache vor sich, aus der bei matter Beleuchtung Elektronik pluckert und Stahl bearbeitet wird. Zuletzt öfter geölt mit Blues. Mal treibend oder elegisch, oft gefällig, manchmal nervensägend. Dass Experimentelles beim heute erscheinenden 14. Studioalbum ausbleibt, fällt kaum ins Gewicht, denn abwechslungsreich und DeMo-charakteristisch ist es allemal. Was „Spirit“ vor allem zu einer spannenden Platte der Briten macht, ist weniger die Musik. Es sind die Texte.

Keineswegs eine Premiere, dass Martin Gore, Dave Gahan und Andy Fletcher einen politischen Song wie „Where’s The Revolution“ gemacht haben – siehe frühe Songs wie das plakative „People Are People“ (1985) oder das zynische „New Dress“ vom 86er Album „Black Celebration“. Überraschend hingegen diesmal, dass die aktuelle Single von Depeche Mode mit ihrer Warnung vor Populismus und Abschottungstendenz westlicher Staaten textlich kein Ausrutscher ist, sondern die Richtung vorgibt, in die „Spirit“ verblüffend häufig stößt.

Die Verantwortung von Prominenten

Möglich, dass sich das Trio auf etwas besonnen hat, was angesichts des rauer gewordenen globalen Politklimas mehrfach gefordert wird und das man „Verantwortung“ nennt oder „Haltung“ – gerade von Prominenten. Wenn eine Fachzeitschrift Depeche Mode in die Kategorie der „50 Bands, die die Welt veränderten!“ sortiert, heißt das Kriterium – klar – Musik. Der Einfluss von Stars gewinnt aber über die Popkultur hinaus an Bedeutung, drohen demokratische Werte ihre Selbstverständlichkeit zu verlieren.

International lässt Schauspielerin Meryl Streep keine öffentliche Preisverleihung aus, um gegen Populismus à la Trump zu wettern, in Deutschland setzt sich ein Udo Lindenberg gegen rechtsnationale Tendenzen ein und will Schlagerpüppchen Helene Fischer nötigen, Farbe zu bekennen. Gelingen dürfte ihm das kaum. Dafür machen andere den Mund auf.

In Sachen Arrangement und Komposition ist der Auftakt von „Spirit“ – „Going Backwards“ – in seiner Unaufgeregtheit die klassische Nummer für den Mittelteil eines Albums. Inhaltlich aber drückt der Song gleich empfindlich auf den Triggerpunkt. Dave Gahan besingt die grassierende Unvernunft, die Rückkehr in überwunden geglaubte, verhängnisvolle Zustände der Geschichte; er benennt Schicksals-Voyeurismus in sozialen Medien, Verrohung an der Spielkonsole. Da wird die Rückkehr in die Steinzeit prognostiziert, aller moderner Technologie zum Trotz.

Eine Menge (An-)Klage, Mahnung und Belehrung zur Begrüßung, obwohl man gerade erst die Tür aufgemacht hat. Entrüstet dürften nun Puristen in ihre Tastaturen hämmern, was den Musikern aus Basildon einfiele, sich plötzlich gekünstelt als Welterklärer aufzuspielen. Dabei ist der Weg vom klassischen düsteren Grundton der Band, den Geschichten von persönlicher Apokalypse hin zur Betrachtung der Weltlage gar nicht so unplausibel.

Manchmal wäre es besser, kein Englisch zu verstehen

„The Worst Crime“ betreibt Ursachenforschung: Fehlgeleitete Staatsoberhäupter oder die Verfälschung von Wahrheit stehen im kausalen Zusammenhang mit dem Volk, das wählt, ungeprüft glaubt und voreilig den Galgen fürs Lynchen vorbereitet. Der Text wurde – wie alle anderen auch, noch vor der US-Wahl verfasst. Wieder hat Gahan neben Mastermind Gore Lyrics beigesteuert, zum Beispiel das metallisch kühl-bluesige, hoffnungsfreie „Poison Heart“. Attest des konkurrierenden Kollegen: der beste Song, den Gahan je geschrieben habe.

Als großen Verlierer schickt später Gore selbst seinen „Poorman“ zum tröpfelnden Retro-Synthie durch Straße und Leben. Das liegt inhaltlich nicht weit weg von Phil Collins’ triefender Mitleids-Nummer „Another Day in Paradise“. Letztlich fängt die mechanische, tiefdunkle Elektronik den Hieb mit der Moralkeule ein Stück weit auf.

Weitestgehend im langsamen bis Midtempo-Bereich bewegt sich „Spirit“, das Hit- oder Hymnen-Potenzial beschränkt sich auf das drängende „So Much Love“, größtenteils schieben sich schwarze Wolken durch das Klangbild. Zwölf Titel voll technischer Finessen, voll Verzerrung und Scheppern, Verdichtung und Zuspitzung, ohne dass es nervt. Das hat der erstmals von DeMo gebuchte Produzent James Ford gut hingekriegt.

Damit auch keiner nach der Beziehungs-Dramatik von „No More“oder „So Much Love“ in die Versuchung kommt, die politische Kommentierung zu verdrängen, schubst Gores Ballade „Fail“ zurück in die pure Hoffnungslosigkeit. Die Menschheit hat versagt, die Würde und die Vernunft verloren. Manchmal wäre es besser, kein Englisch zu verstehen. Dann wäre es eigentlich nur Musik.

Von Mark Daniel/LVZ/RND