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Unbekanntes Horvath-Werk vor Aufführung

Theater Unbekanntes Horvath-Werk vor Aufführung

Pforzheim und Berlin sind wichtige Stationen für das Auffinden eines bisher unbekannten Dramas von Ödön von Horvath (1901-1938). Dortige Auktionshäuser boten den Text an. Er kam günstig unter den Hammer.

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Deckblatt des Stücks «Niemand» von Ödön von Horvath.

Quelle: Wienbibliothek

Wien. Als Ödon von Horvath am 1. Juni 1938 im Pariser Exil auf den Champs Élysée im Gewitter von einem herabstürzenden Ast erschlagen wurde, war er erst 36 Jahre alt.

Der Schriftsteller und Dramatiker, geboren in der österreichisch-ungarischen Donaumonarchie, hatte etwa ein Dutzend Theaterstücke ("Geschichten aus dem Wiener Wald") und mehrere Romane ("Jugend ohne Gott") verfasst. Fast 80 Jahre nach seinem Tod feiert ein bisher unbekanntes Drama von ihm nun Uraufführung am Theater in der Josefstadt in Wien (1.9.). "Es gibt fantastische Sätze - und Momente, wo es ziemlich nebulos wird", sagte Josefstadt-Chef Herbert Föttinger der Zeitung "Der Standard".

In "Niemand - Tragödie in sieben Bildern" rankt sich die Handlung um 24 Menschen, die 1924 in einem Mietshaus ein erbärmliches Leben führen. Beim Auffinden des Stücks spielten Auktionshäuser in Pforzheim und Berlin sowie aufmerksame Leser von deren Katalogen eine entscheidende Rolle.

Das 95-seitige Typoskript eines der meistgespielten Dramatiker des 20. Jahrhunderts war zunächst beim Auktionshaus Kiefer in Pforzheim aufgetaucht. Dort war es nach Angaben des Auktionshauses 2006 versteigert worden. Obwohl als unbekanntes Werk von Ödön von Horvath im Katalog beschrieben, interessierte sich nur ein einziger Bieter für die Seiten in einem blauen Originalumschlag. Für ganze 250 Euro machte er einen glänzenden Kauf, erinnert sich eine Angestellte. 2015 machte der "kunsthistorisch sehr gebildete Sammler" seinerseits Kasse und lieferte das Horvath-Drama beim Berliner Auktionshaus Stargardt ein. Auch jetzt sprach sich der Theater-Knüller nicht wirklich herum.

"Für die Losnummer 133 gab es nur einige Bieter", sagt Stargardt-Geschäftsführer Wolfgang Mecklenburg. Interesse an dem auf einer Schreibmaschine getippten Text sei zwar vorhanden gewesen, aber es sei auch recht schnell erlahmt. Am Telefon bot die Wienbibliothek mit - und war nach wenigen Minuten um ein Original-Horvath-Stück reicher. "Wir konnten unser Glück kaum fassen. Damit hatten wir nicht gerechnet", sagt Kyra Waldner von der Wienbibliothek, einer Institution, die sich als "Gedächtnisspeicher der Stadt" unter anderem um die Nachlässe berühmter Menschen kümmert. Bei einem Schätzpreis von 8000 Euro war der Hammer bei 11 000 Euro gefallen.

Die Seiten hätten nur ganz wenige handschriftliche Korrekturen aufgewiesen, meint Mecklenburg. Aber die Echtheit des Dokuments "sei völlig außer Frage", sagt der Auktionator. Es bleibt völlig unklar, warum der Verlag "Die Schmiede", bei dem der Text 1924 eingereicht wurde, das Stück unbeachtet gelassen hat.

"Nahezu alles, was mit diesem Stück zusammenhängt, muss uns rätselhaft erscheinen", schrieb die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) im März 2015 anlässlich der Berliner Versteigerung. Möglicherweise seien damals die wirtschaftlichen Probleme des Verlags ein Grund gewesen, so die "FAZ" weiter. Einziger bisheriger Hinweis auf das Frühwerk Ödön von Horvaths waren Aussagen von seinem jüngerem Bruder Lajos, der sich an ein in expressionistischer Manier geschriebenes Stück namens "Niemand" erinnerte.

Die Rechte an "Niemand" werden nun vom auf Theater spezialisierten Wiener Thomas Sessler Verlag verwaltet. Dort ist der Text als Buch erschienen. Auch einige deutsche Bühnen seien an der Uraufführung interessiert gewesen, sagte die Verlags-Geschäftsführerin Maria Teuchmann zum Kultur-Blog "Mottingers Meinung". Die Zusicherung einer sehr werkgetreuen Aufführung mit allen 24 Charakteren habe den Ausschlag für das Theater in der Josefstadt gegeben.

Am 25. März 2017 wird "Niemand" im Deutschen Theater in Berlin in einer Inszenierung von Dusan David Parizek auf die Bühne kommen. Die Tantiemen kassiert die Wienbibliothek - und wird sie zweckgebunden zum Kauf neuer Nachlässe und Handschriften ausgeben.

dpa

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