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„Vampyr": Zügellose Leidenschaften

Komische Oper Berlin „Vampyr": Zügellose Leidenschaften

Die Komische Oper Berlin hat mit der Neuinszenierung von Heinrich Marschners Oper „Der Vampyr“ viel gewagt und viel gewonnen. So manch ein Zuschauer aber war von vornherein skeptisch, wurde doch nicht das Original geboten, sondern eine Fassung von Antú Romero Nunes mit ergänzenden Kompositionen von Johannes Hofmann „nach Heinrich Marschner“.

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Nicole Chevalier, Zoltán Nyari und die Chorsolisten der komischen Oper Berlin in "Vampyr".

Quelle: Iko Freese/drama-berlin.de

Berlin. Das Regie-Team hat sich viele Gedanken darüber gemacht, wie man denn „das Publikum einer Opernaufführung zum Gruseln bringen kann“, und man hat in der Tat nichts unversucht gelassen, hat tief in die Trickkiste gegriffen, um das große Gruseln auf die Bühne zu bringen. Gleich zu Beginn stürzt sich ein widerlich anzuschauender Vampir auf eine junge Frau im Publikum, zerrt die sich heftig wehrende auf die Bühne, saugt ihr das Blut aus, reißt ihr die Kopfhaut ab, schlitzt sie auf und verspeist dann genüsslich die blutigen Organe und Därme. Damit nicht genug: der gesamte Chor ist praktisch eine schaurig anzuschauende Vervielfachung des Vampirs. Jeder Einzelne dieser Schar von „Untoten“ ist von Regisseur Antú Romero Nunes individuell behandelt worden, der eine hinkt, der andere geht krumm und mit schlotternden Knien, ein dritter trägt einen abgeschlagenen Arm und jeder hat irgendwo Wunden, Geschwulste und Blutspritzer. Und die für die Kostüme zuständige Annabelle Witt hat sich liebevoll um jedes Detail gekümmert, um den Gruseleffekt zu mehren. Einer der schaurigsten Höhepunkte in dieser einfallsreichen Inszenierung ist ein großes, gemeinsames Grillfest, wo man gar nicht so genau wissen möchte, was denn da gegrillt wird. Eine riesige Fledermaus (Bühnenbild: Matthias Koch) im Hintergrund der Bühne sorgt für zusätzliche „Stimmung“. Und wer nun noch immer nicht das Gruseln gelernt hat, der kann sich vor eine großen schwarzen Spinne ekeln, die sich langsam von oben auf das Auditorium herablässt. Das unterstreicht noch einmal, dass sich Nunes mit dieser Produktion auf dem schmalen Grat zwischen Ulk und Ernst befindet – Absturzgefahr ins Lächerliche oder belanglos Peinliche inbegriffen.

   Heiko Trinsinger bringt alles mit für einen „glaubwürdigen“ Vampir. Er ist ein rechtes Mannsbild mit unersättlicher Gier nach Blut und zügelloser Leidenschaft. Und wenn er herzhaft zubeißt, dann wirkt das durchaus auch erotisch. Seinem kraftvollen, gut fokussierten Bariton vermag er eine ganze Palette von dämonischen Nuancen abzugewinnen. Die Verzweiflung über sein Schicksal aber lässt er gleichermaßen durchblicken. Auch Nicole Chevalier (Malwina) und Maria Fiselier (Emmy), beide Sopran, haben starke Auftritte. Emmys Romanze vom „bleichen Mann mit seelenlosem Blick“ ist ein musikalischer Höhepunkt und nimmt Sentas berühmte Ballade in Wagners „Fliegendem Holländer“ vorweg. Der Tenor Zoltán Nyári kann als Edgar Aubry brillieren, und Jens Larsen ist dank seines profunden Basses ein eindrucksvoller Lord von Davenaut.

   Dem leidenschaftlichen Dirigat von Antony Hermus und dem hervorragend spielenden Orchester der Komischen Oper ist es zu verdanken, dass sich Johannes Hofmanns nachkomponierte Musik fast nahtlos mit Marschners Partitur verbindet. Nach 90-minütigen Turbulenzen, vielen knalligen Effekten und dem verwirrenden Auf und Ab der Gefühle – die Oper wird ohne Pause durchgespielt – weiß man gar nicht mehr, wo einem der Kopf steht. Aber das ist ja wohl auch vom Regisseur so gewollt. Trotzdem: Man ist jetzt noch neugieriger auf den echten, den ungekürzten „Vampyr“ von 1828 geworden!

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