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Aus dem Geist unserer heutigen Lebenswelt

„Walküre“ in Salzburg Aus dem Geist unserer heutigen Lebenswelt

1967, also vor fünfzig Jahren, gründete Herbert von Karajan die „Osterfestspiele Salzburg“, Grund genug für den jetzigen Künstlerischen Leiter Christian Thielemann, dieses große Ereignis gebührend zu feiern, und zwar mit einer „Re-Kreation“ der ersten Produktion.

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Das Festival endet am 17. April mit der „Walküre“.

Quelle: OFS Forster

Salzburg.  Karajan hatte damals Richard Wagners „Walküre“ als Auftakt für seinen geplanten „Ring-Zyklus“ gewählt, der dann ja auch vervollständigt wurde und dank seiner viel gepriesenen „kammermusikalischen Qualitäten“ und wegen Karajans poetischer Inszenierung Aufsehen erregte.

Was das Publikum 2017 zu sehen bekommt, ist keineswegs museales Theater, ist keine eigentliche Wiederbelebung der ersten Produktion, sondern eine Inszenierung der bulgarischen Regisseurin Vera Nemirova in dem damaligen Bühnenbild von Günther Schneider-Siemsen. Sie hat, wie sie sagt, „die „Walküre“ neu aufgeladen,“ zeigt also eine Inszenierung aus dem Geist unserer heutigen Lebenswelt. Schließlich verhielten und bewegten sich die damaligen Akteure anders als die heutigen, „die das moderne Musiktheater aufgesogen haben.“

Und was ist das Ergebnis dieser ungewöhnlichen Begegnung des Heute mit dem Gestern? Eine höchst spannende Aufführung, das sei gleich vorweg gesagt. Denn Vera Nemirova hat sich nicht in erster Linie als Archäologin des Musiktheaters betätigt, sondern als eine durch und durch kreative Künstlerin. Dass ihr natürlich durch die abstrakten, ästhetisch wunderschönen Bühnenbilder von Schneider-Siemsen gewisse Leitlinien vorgegeben sind, versteht sich von selbst. Sie füllt sie aber mit Leben und Menschen, denen wir auf der Straße begegnen könnten. Deswegen treten die Sänger in modernem Kostüm auf, während Siegmund in seiner zerlumpter Kleidung wie ein getriebener Flüchtling in dieser mythisch-archaischen Welt wirkt. Dieser Verzicht auf die artifiziellen Kostüme von damals, die die Figuren verdeckt haben und „durch die man den Menschen dahinter nicht sah“, tragen erheblich zur Modernisierung der 1967er Inszenierung bei. Selbst ein Obergott wie Wotan zeigt ganz normale menschliche Gefühle, darf beispielsweise bitterlich weinen, wenn er Abschied nehmen muss von Brünnhild, seiner Lieblingstochter.

Wer vor fünfzig Jahren die „Walküre“ in Salzburg gesehen hat, freut sich besonders über das Bühnenbild des ersten Aktes mit der gewaltigen Esche im Mittelpunkt. Von bezaubernder Wirkung ist das immer intensiver und leuchtender werdende Grün im Hintergrund bei Siegmunds „Winterstürme wichen dem Wonnemond“. Gleichzeitig öffnet sich Hundings beklemmende Behausung, die Mauern rechts und links verschwinden und der Blick wird frei auf  das in Liebe verbundene Geschwisterpaar. Die Symbolik des Ringes durchzieht in vielerlei ebenso sinnvollen wie ästhetisch schönen Variationen alle drei Akte – die Bruchstellen des Ringes werden im Schlussbild, wenn Wotan wider Willen seine geliebte Brünnhilde verstoßen muss, besonderes bedeutungsvoll sichtbar. Und dann der Feuerzauber mit seinen echten, die schlafende Brünnhilde schützenden Flammen! Christian Thielemann lässt hier so intim wie möglich musizieren, nimmt eine Menge Pathos weg, wird manchmal sehr leise und verleiht so dieser Szene eine zutiefst anrührende Innigkeit.

Höchstes Lob auch für die Gesangssolisten. Peter Seiffert ist ein Siegmund der Sonderklasse, dessen Tenor herrlich aufblühen kann und dessen „Wälse!“-Rufe einem noch lange in Erinnerung bleiben. Ihm zur Seite steht Anja Harteros als sehr frauliche Sieglinde. Schnell wird in dieser Inszenierung klar, dass sich die beiden geradezu magisch zueinander hingezogen fühlen. Von Anfang an ist eine knisternde Erotik zwischen ihnen zu spüren, was dem rauborstigen Hunding natürlich nicht entgeht: Durch brutale Gesten lässt Georg Zeppenfeld keinen Zweifel daran aufkommen, wer der Herr im Hause ist, wem Sieglinde sexuell hörig zu sein hat. Mit seinem prachtvoll tönenden, schwarzen Bass unterstreicht er seinen Anspruch auf  abstoßende Art.  Für Anja Kampe ist die Brünnhilde ein Rollendebüt, das sie mit bewundernswerter Sicherheit meistert. Als wilde Walküre ist sie ebenso überzeugend wie als mitfühlende, von der Liebe zwischen Siegmund und Sieglinde überaus beeindruckte Frau. Auch für den ukrainischen Bass  Vitalij Kowaljow ist der Wotan ein Rollendebüt. Er verleiht dem tragischen Gott sympathische, sehr menschliche Züge. Selten kann man Wotans Verzweiflung so hautnah nachempfinden wie bei diesem leidenschaftlichen Sänger.

Dass Richard Wagners berühmtes Urteil über die Sächsische Staatskapelle Dresden – er nannte sie einst „Wunderharfe“ – nach wie vor Gültigkeit hat, wird stets aufs Neue bestätigt, und wenn Thielemann dirigiert, dann kommt noch ein Quäntchen undefinierbarer Genialität, ein Fluidum mystischer Größe hinzu. Was gibt es da nicht alles zu loben! Das Blech klingt saftig und doch auch elegant, ist stets aussagekräftig. Die Celli können singen, verraten geheimste Gefühle und bereiten in herrlichen Kantilenen den Liebesakt des Geschwisterpaares vor. Ähnliches gilt für die anderen Instrumentengruppen und deren manchmal exzessive Tonmalerei. Thielemann behauptet in seinem Buch „Mein Leben mit Wagner“, dass man bei diesem Komponisten „mit den Ohren zu sehen lernt“. Recht hat er – aber nur dann, wenn jemand so gut dirigiert wie er, und davon gibt es nicht viele! Das Premierenpublikum spendete tosenden Beifall für alle, besonders für Thielemann.

Service:  www.osterfestspiele-salzburg.at

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