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Anna Guder – Von der S-Bahn auf die Bühne

Youtube-Star Anna Guder – Von der S-Bahn auf die Bühne

Ein Internetvideo aus der S-Bahn hat die Hamburger Musikerin Anna Guder über Nacht weltweit bekannt gemacht. Nun will die 25-Jährige richtig durchstarten – und hofft, dass aus Millionen Klicks ein Erfolg wird, von dem sie mit ihren Songs leben kann. 

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Anna Guder will jetzt mit ihrer eigenen Musik durchstarten. 

Quelle: Axel Heimken/dpa

Hamburg. Um als Musiker bekannt zu werden, braucht man Durchhaltevermögen, Talent und eine gute Portion Glück. Anna Guder hat alles davon, vom Glück sogar so viel, dass es ihr selbst etwas unheimlich ist. Auch drei Wochen nach ihrem rasanten Aufstieg ist sie noch immer fassungslos:  „Ich hätte nie damit gerechnet, dass mir so etwas passiert.“  Ihre plötzliche Popularität ist eine Verkettung von glücklichen Zufällen, eine Art modernes Social-Media-Märchen.

Es beginnt in Frankfurt, wo Anna auf einer Musiker-Messe die in Großbritannien bekannte Trommlerin Heidi Joubert kennenlernt. Gemeinsam steigen sie abends in die S-Bahn und stimmen mit Gitarre und Cajun, einer Kistentrommel, mehrere Songs an. „Aus Übermut“, wie sie am Telefon erzählt. Die Stimmung in der Bahn steigt, die Fahrgäste applaudieren. Als die „Kiss“ von Prince spielen und ein weiter Fahrgast ihnen beherzt zur Seite springt und einen improvisierten Rap einlegt, springt der Funke endgültig über. Erst später wird Guder feststellen, dass es sich bei dieser Zufallsbekanntschaft um den auf Malta sehr bekannten Musiker Ozzy Lino handelt, der ebenfalls die Messe besucht hat. Die Atmosphäre in der Bahn ist jetzt ausgelassen, fast wie auf einem Konzert. Ein Kumpel hält die Minuten in einem verwackelten Handyvideo fest, Guder stellt es am Tag drauf auf ihre Facebook-Seite.

Danach passiert erst einmal: nichts. Ein paar Likes, nette Kommentare, das Übliche. Als sie sich aber in den folgenden Tagen einloggt, traut sie ihren Augen kaum: Die Likes für ihre Seite schießen in die Höhe. „Statt 200 hatte ich auf einmal über 1000. Und am Wochenende wurde es richtig gruslig.“ Ein Londoner Szeneblog hatte das Video zufällig geteilt und ihr damit Millionen Zuschauer beschert. Welch Glücksfall, buhlen doch täglich Tausende Clips um die Aufmerksamkeit der Community. Der plötzliche Tod von Prince trieb die Klickzahlen zusätzlich in die Höhe.

Über 70 Millionen Aufrufe

Mittlerweile wurde die gut drei Minuten lange Sequenz über 70 Millionen Mal aufgerufen und Anna hat mit ihrer Band Kiddo Kat über neue 30.000 Facebook-Freunde. Sie hat dutzende Interviews gegeben, saß bei Markus Lanz im Studio, Medien aus der ganzen Welt haben über sie berichtet. Das Telefon klingelte in den ersten Tagen im Fünf-Minuten-Takt.

„Mir wurden zwei Jahre harter Arbeit geschenkt“, sagt sie. „Dieser Erfolg wäre sonst ein harter, steiniger Weg gewesen.“ Anna Guder weiß, wovon sie da spricht. Ihre musikalische Karriere begann mit fünf Jahren im Kinderchor, als Teenager gründete sie mit Freundinnen eine Mädchenband. Seit dem Abitur verdient sie ihr Geld mit der Musik – als Sängerin in Coverbands, mit Auftritten bei Hochzeiten und Volksfesten und seit gut einem Jahr zu einem kleinen Teil auch mit ihrer eigenen Band Kiddo Kat. Im Frühjahr haben sie ihre erste EP veröffentlicht. Funky, tanzbar, mit Soul. Radiotaugliche, fröhliche Musik, die hervorragend zu Guders unbekümmerter Art passt.

Der überraschende Erfolg scheint sie zwar beeindruckt, aber nicht eingeschüchtert zu haben. Wir erreichen sie telefonisch in Berlin, wo sie ihre Eltern besucht. Ihre Mutter reicht zwischendurch eine Tasse Tee. „Es tut gut, hier zu sein. Das erdet mich“, sagt sie. Am Wochenende steht ein Auftritt bei Radio Fritz an, zuvor will sie Freunde besuchen. „Die freuen sich alle wahnsinnig mit mir und schicken mir ständig Nachrichten, wenn sie wieder irgendwo ein Foto von mir entdecken.“

Auf Deutsch? Nein danke!

Auch Produzenten melden sich bei der 25-Jährigen, wollen ihr Hits auf den jungen Leib schreiben und den Hype für ihre Zwecke nutzen. Einige sehen sie als eine Art Rohdiamant, den sie nach ihrem Belieben formen können, erzählt sie. „Die sagen mir, ich sei noch keine fertige Künstlerin oder soll auf Deutsch singen.“  Guder hat abgelehnt. „Ich habe gelernt, auf mich selbst zu hören. Da lag ich bisher schon sehr oft richtig.“

Ihr Gefühl sagt ihr stattdessen, Musik mit den Menschen zu machen, die mit für ihren Erfolg verantwortlich sind: Heidi Joubert und Ozzy Lino aus dem S-Bahn-Video. Mitte des Monats wollen sich die drei auf Malta treffen und zu dritt mehrere Konzerte spielen. „Was wir danach draus machen, entscheiden wir spontan.“

Unabhängig davon will Guder mit ihrer Band in Deutschland durchstarten. Eine bekannte Konzertagentur hat  sie für eine bundesweite Tournee gebucht. „Mir wurde eine Plattform geschenkt, die will ich jetzt unbedingt nutzen.“ Dass sie damit auch auf die Nase fallen kann, wie vor ihr bereits unzählige andere Internet-Sternchen, macht ihr keine Angst. „Im Netz hat es wunderbar funktioniert. Jetzt müssen die Leute meine Musik auch noch in echt toll finden.“ Der Vorverkauf für die Konzerte ist bereits gestartet. Bisher läuft es eher schleppend.  Wer im Internet klickt, kauft noch lange kein Ticket. Ob ihr Märchen gut ausgeht, wird Anna Guder erst in einigen Monaten wissen. 

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