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„Zeitlose Figuren, wunderschöne Sprache“

Jane Austen „Zeitlose Figuren, wunderschöne Sprache“

England feiert Jane Austen. Vor 200 Jahren, am 18. Juli 1817, starb die heute weltberühmte Autorin. Die Verfasserin von „Stolz und Vorurteil“ oder „Vernunft und Gefühl“ wäre im 19. Jahrhundert fast vergessen worden, doch heute werden ihre Bücher Jahr für Jahr millionenfach verkauft. Dabei weiß man wenig über ihr wahres Leben.

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„I love Mr. Darcy“

Ein idealisiertes Bild: So wurde Jane Austen im 19. Jahrhundert dargestellt – dem Zeitgeschmack entsprechend.

Quelle: Foto: Imago

Chawton. Im Jane-Austen-Museum in Chawton, in der südenglischen Grafschaft Hampshire, steht ein kleiner runder Tisch. An ihm soll die berühmte britische Autorin (1775-1817) ihre Romane geschrieben haben. Der zierliche Tisch, so heißt es, habe im Kaminzimmer gestanden, weil die Tür in dieses Zimmer knarrte - für Austen ein Signal, sich ihre Manuskripte schnell in den Ausschnitt zu stopfen. Sie wollte nicht, dass außer ihrer Mutter und ihrer Schwester jemand erfuhr, dass sie Schriftstellerin war. Die Bücher, die zu ihren Lebzeiten veröffentlicht wurden, erschienen mit dem Hinweis „By a Lady“. Vor 200 Jahren, am 18. Juli 2017, ist Jane Austen gestorben.

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Um Jane Austen ranken sich viele Geschichten – weil wenige persönliche Dokumente von ihr erhalten sind. Tatsächlich gibt es nicht mal ein gesichertes Bild von ihr, dafür aber viele Darstellungen, die sie als freundliche Dame vom Lande präsentieren.

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Da viele private Dokumente Austens, vor allem Briefe, verloren gegangen oder von ihrer Schwester Cassandra verbrannt wurden, ist nicht viel darüber bekannt, wer Austen wirklich war. Im Jane Austen’s House Museum und an vielen anderen Orten steht deshalb die Suche nach der „wahren“ Jane Austen und ihrer Relevanz bis heute im Vordergrund.

Liebe, Anstand und Geld

In Chawton überarbeitete sie ihre ersten Romane „Sense and Sensibility“ („Verstand und Gefühl“), „Pride and Prejudice“ („Stolz und Vorurteil“) sowie „Northanger Abbey“ („Kloster Northanger“) und schrieb „Mansfield Park“, „Emma“ und „Persuasion“ („Überredung“).

Ihre Werke, die meist von Liebe, Anstand und Geld handeln, gehören zu den Klassikern der englischsprachigen Literatur und wurden zum Teil mehrfach verfilmt. „Ich glaube, ich kann von mir sagen, mit aller möglichen Eitelkeit, das am wenigsten gebildete und informierte weibliche Wesen zu sein, das es jemals wagte, Schriftstellerin zu werden“, schrieb Austen in einem ihrer zahlreichen Briefe mit dem für sie typischen Understatement, mit Witz und Ironie. Heute gilt sie der Literaturkritik als scharfe Beobachterin und analytische Gesellschaftskritikerin des georgianischen England um 1800. Nach Shakespeare ist sie die wichtigste Klassikerin der britischen Literatur.

Populäre Missverständnisse über Jane Austen

1. Jane Austen hat romantische Liebesgeschichten geschrieben.

Das scheint nur auf den ersten Blick so zu sein. Tatsächlich gibt es romantische Elemente: Zum Beispiel, wenn Mr. Darcy in „Stolz und Vorurteil“ heimlich alles tut, um Elizabeth Bennets Schwester Lydia zu helfen. Und natürlich enden alle sechs Austen-Romane damit, dass die Hauptfiguren heiraten. Das hat aber schon weniger mit Romantik zu tun als damit, dass es in Austens Zeit für Frauen schlicht eine materielle Notwendigkeit war, zu heiraten, um ihren Lebensunterhalt zu sichern.

In vielen Austen-Romanen gibt es Figuren, die sich Hals über Kopf in jemanden verlieben, gegen jede Vernunft, manchmal brennen Paare sogar einfach durch. Berühmteste Beispiele: Lydia Bennet und Mr. Wickham in „Stolz und Vorurteil“ oder Marianne Dashwood und Mr. Willoughby in „Vernunft und Gefühl“. Allen diesen Paaren ergeht es schlecht. Ihre romantische Liebe ist bei Austen stets zum Scheitern verurteilt. Austen propagiert dagegen das Ideal der vernünftigen Liebe – die Partner müssen vor allem moralisch und intellektuell zueinander passen. Standesunterschiede sind relevant, aber nicht entscheidend.

Grundsätzlich schreibt Austen durchaus Liebesgeschichten – sie strukturieren die Handlung. Ihre Bücher sind aber viel mehr Gesellschaftsromane, sie zeichnet ein genaues Bild des Lebens der sogenannten Gentry (der niedere Landadel) um 1800. Erzähltechnik, Dialoge, Gesellschaftskritik und psychologische Beobachtungsgabe sind wesentlich wichtiger als die Liebesgeschichte.

2. Jane Austen hat ihre Romane mit leichter Hand geschrieben

Auch hier täuscht der Eindruck, weil die Bücher so scheinbar locker und leicht geschrieben sind. Leider sind nur wenige Manuskripte von Austen überliefert – die wenigen erhaltenen zeigen jedoch, dass sie hart an ihren Texten gearbeitet hat. Es wimmelt von Durchstreichungen und Korrekturen. Der Eindruck großer Leichtigkeit ist hart erarbeitet.

3. Wer die Verfilmungen sieht, kann sich die Bücher eigentlich sparen

Die Filme reduzieren die Bücher auf die Liebesgeschichte. Das ist hübsch anzuschauen, hat Austen aber sehr geschadet. Ihre Bücher gelten vor allem wegen der Verfilmungen als leichte Frauenliteratur. Die Literaturkritik und ernsthafte Austen-Fans kämpfen sehr gegen dieses falsche Austen-Bild.

4. Austen hat mit ihren Bestsellern viel Geld verdient

Tatsächlich waren es nur einige hundert Pfund. Was damals viel mehr war als heute, aber reich wurde Austen nicht. Die Rechte an „Stolz und Vorurteil“ zum Beispiel hat sie für 110 Pfund an ihren Verleger verkauft. Abgesetzt wurden zunächst auch nur 4000 Exemplare. Das war damals ein Achtungserfolg, eine Bestsellerautorin war Austen jedoch keineswegs. Die Austen-Begeisterung begann erst 50 Jahre nach ihrem Tod, als ein Neffe eine Biografie seiner Tante veröffentlichte. Einen weiteren Schub gab es im 20. Jahrhundert mit den Verfilmungen, seither werden jedes Jahr Millionen Exemplare von Austens Romanen verkauft. Die Rechte an den englischen Ausgaben sind übrigens längst erloschen, die Texte sind im Internet frei verfügbar.

5. Jane Austen war eine freundliche Dame vom Lande

Dieses Bild entstand durch die Biografie, die ihr Neffe James Edward Austen-Leigh 1869 veröffentlicht hat. Er beschrieb seine Tante als harmlose und christliche Frau, die Freude daran hatte, hübsche Geschichten über ihre kleine Welt zu schreiben. Dass Austens Romane sehr ironisch sind, oft sarkastisch und bissig, dass sie viele ihrer Figuren bitterböse vorgeführt hat – all das ging ebenso unter wie die kritische Stoßrichtung ihrer Romane. Manche Literaturkritiker halten Austen gar für die erste marxistische Autorin, weil sie so nüchtern die materialistischen Zusammenhänge ihrer Welt seziert habe. Andere sehen sie als Feministin, weil sie fast immer sehr selbstbewusste Frauen skizziert habe, die für ihr Recht auf ein selbstbestimmtes Leben kämpfen. Auf der anderen Seite sind manche Biografen überzeugt, Austen sei zutiefst konservativ gewesen, ihr sei es um den Erhalt traditioneller Werte gegangen. Sicher ist: Austen entzieht sich einer einfachen Deutung. Die Schriftstellerin und Feministin Virginia Woolf hat 1923 geschrieben: „Unter allen großen Schriftstellern ist es Jane Austen, deren eigentliche Größe am schwersten zu fassen ist.“

Man vermutet, dass Austen das Material für ihre Romane auch aus ihrem täglichen Leben schöpfte: Ihre Kindheit als das siebte von acht Sprösslingen eines anglikanischen Landpfarrers, die Nähe zum früh verstorbenen Vater, der sie heimlich förderte, die enge Bande zu zwei Brüdern in der seinerzeit mächtigen Royal Navy, die tiefe Bindung an Cassandra, während alle anderen Frauen in der Familie ein Baby nach dem anderen gebaren. Ihr älterer Bruder Edward, der von einem wohlhabenden Verwandten adoptiert und ein reicher Erbe wurde, überließ Jane, Cassandra und ihrer Mutter das Haus in Chawton.

„Chawton ist wie ein Bühnenset, und Austens letzte Jahre dort lesen sich wie eine Geschichte aus ihren Büchern“, kommentierte der „Daily Telegraph“ zum Austen-Gedenktag. Autorin und TV-Historikerin Lucy Worsley, Verfasserin eines neuen Buchs zu Austen, befand: „Austen ist vor allem persönlich. Jedes ihrer Worte ist mit Integrität, Überzeugung und Liebe geschrieben.“ Ihr 200. Todestag wird mit zahlreichen Neuerscheinungen und Sonderausgaben ihrer Romane und Briefe gewürdigt.

Zeitlose Charaktere

Laut Museumsführer Andrew Constantine verstand Jane Austen es perfekt, das „soziale Netzwerk“ um die mächtige Kirche der damaligen Zeit geschickt zu nutzen. „Sie kannte einfach jeden und verpasste keine einzige Unterhaltung unter Erwachsenen oder mit ihren älteren Brüdern. Dann ging sie auf ihr Zimmer und schrieb die Geschichten auf“, sagte Constantine. So könnten Charaktere wie Mr. Darcy, Elizabeth Bennet und Emma Woodhouse entstanden sein.

In der benachbarten Chawton House Library, dem Herrenhaus von Bruder Edward, wo das Werk von Austen archiviert ist, erklärt Direktorin Gillian Dow Austens Bedeutung heute: Sie habe Charaktere geschaffen, in denen wir uns alle wiedererkennen, und die nicht fehlerfrei waren. „Ihre Figuren sind zeitlos, ihre Sprache ist wunderschön.“ Während Austens Werk bis 1870 fast vergessen worden sei, sei die Autorin „heute beliebter als je seit ihrem Tod“, sagt Dow.

„Austen war ein Genie“

Ähnliches ist von Louise West zu hören, die in Winchester die Ausstellung „The Mysterious Miss Austen“ (Die mysteriöse Miss Austen) kuratiert hat. „Es war damals für Frauen keineswegs ungewöhnlich zu schreiben. Aber Austen war ein Genie, ihre Kenntnis der menschlichen Psyche war phänomenal – und das lange vor Sigmund Freud“, erklärt West.

Jane Austen starb im Alter von nur 41 Jahren. In der Kathedrale von Winchester, wo sie – nicht wegen ihrer Berühmtheit, sondern wegen der engen Beziehungen zur Kirche – beigesetzt wurde, wird sie in diesem Jahr vielfach geehrt. Erst Jahrzehnte nach ihrem Tod wurde eine Gedenktafel angebracht, auf der steht: „Jane Austen war Vielen durch ihre Schriften bekannt.“ In diesem Herbst wird ihr Abbild auf neuen 10-Pfundscheinen und 2-Pfundmünzen der britischen Notenbank geprägt.

Von Anna Tomforde

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