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13000 Fans kamen nach Niendorf

25. Jazz Baltica 13000 Fans kamen nach Niendorf

Ein emsig radelnder Posaunist, eine singende Kontrabassistin, eine fesselnde Großstadt-Jazzsymphonie, eine stimmgewaltige Shouterin und ein forderndes nächtliches Klanglabor. Er hatte fraglos seine Facetten, der Sonnabend der 25. Jazz Baltica am Niendorfer Hafen. Rund 13000 Jazz-Fans kamen insgesamt, bescherten dem Festival zum Silbernen ein Rekorderlebnis und sparten nicht mit Beifall.

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Etwas weniger Show hätte nicht geschadet: Jazz-Sängerin China Moses.

Quelle: Axel Nickolaus

Niendorf. Am Anfang ist die Parkplatzsuche. Festival-Stellflächen sind ausgeschildert, quellen aber bis in die Fußwege über vor Blech. Am Ortsausgang nach Brodten endlich ein Platz am Straßenrand, gefolgt vom Zwei-Kilometer-Fußmarsch zum Festivalgelände. Kein Vergnügen in der Hitze. Wie wäre es mit gemieteten Koppeln rundum plus Bus-Shuttle?

 Kurzer Rundblick am Hafen, da radelt Nils Landgren vorbei, die rote Posaune hoch erhoben. Unterwegs zur Open-Air-Bühne, um das Duo jamaffen anzukündigen. Der Neumünsteraner Pianist Jan-Christoph Mohr und der Kieler Schlagzeuger Christian Belau spielen latinesken Jazz oder passen sich flink die Bälle zu auf einem Sample von Gonna Make You Sweat (C+C Music Factory). Sehr zur Freude auch vieler Zaungäste, die das kostenlos erleben dürfen. Ein lobenswerter Einfall!

 Eine gute Idee hat auch Kristin Korb, als sie Landgren (Korb raunt verschmitzt: „he’s baaaad!“) für das Titelstück ihrer neuen CD Finding Home auf die Bühne holt. Seine Posaune spickt das munter swingende Lied mit wohlgesetzten, gewitzten Stößen. Korb singt mit klarer, weicher Stimme bekömmlichen Mainstream-Jazz, der zum Sommerwetter passt. Den Kontrabass zupft sie virtuos wie nebenher, unternimmt erlesene, markante Läufe wie im getragenen 58 Boxes, das ihren Umzug von Los Angeles nach Kopenhagen thematisiert.

 Zeit für einen Schluck Sonne, es folgt ein Brocken, der hohe Konzentration erfordert. „Ein Experiment“ nennt es sein Schöpfer Vladyslav Sendecki nach der Aufführung. Angeregt von Timo Großpietschs Experimentalfilm STADT hat der Pianist eine faszinierende Symphonie komponiert. Ein vielschichtiges Werk, das von der NDR Bigband, die improvisations-satt und wie ein hellwacher Organismus agiert, grandios geschultert wird. Während oben der in Hamburg spielende Film läuft, kommentiert die Musik Szenen mit Zootieren, Brauereifließbändern oder wassertretenden älteren Damen. Funky wie in US-Krimiserien der 70er, grotesk walzernd, dramatisch, elegisch. Eine packende Erfahrung, Experiment gelungen!

 Im knallroten Kleid und mit gelbem Fächer, auf dem „Jazz“ steht, stößt Sängerin China Moses zu ihrer Band. Und überrascht. Sie werde nicht wie im Programm avisiert Klassiker der großen Ladys des Jazz, Blues und Soul covern. Sondern Lieder präsentieren, die das Publikum noch nie gehört habe. Vor fünf Monaten geschrieben und Anfang 2016 auf ihrer nächsten CD zu finden. Das erdige Dinah’s Blues zollt einer ihrer Ikonen, Dinah Washington, Tribut. Höhepunkt ist das soul-jazzige, atmosphärische Breaking Point, in das China Moses so richtig eintaucht und ihre Stimme von der Leine lässt. Leider wirkte die Sängerin oft ein wenig aufgesetzt, insbesondere in ihren wie wörtlich einstudierten Moderationen.

 Vom Kontrast lebt das zweite Experiment des Abends. Sly Dunbar und Robbie Shakespeare liefern ihre patentierten Reggae-Grooves einen nach dem anderen ab, darauf improvisieren der norwegische Trompeter Nils Petter Molvaer und Landsmann Eivind Aarset (Gitarre) auf Teufel komm raus. Die hypnotischen Riddims tragen flirrende, schwirrende, psychedelische Soundscapes, bedrohlich wie aus einem SF-Horror-Film oder erhaben durch die kalte Leere schwebend. Magischer Moment: Bass und Drums schweigen und Molvaer spielt einen von der Gitarre umwehten Part von so überwältigender Elegie und Eleganz, dass es einem eng wird ums Herz.

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Ein Artikel von
Thomas Bunjes
Kulturredaktion

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Kommentar

Als er 2012 das erste von ihm verantwortete Jazz-Baltica-Programm vorstellte, betonte Nils Landgren, dass sein Plan stets darin bestehe, keinen Plan zu haben. Nach dem vierten Festivalwochenende unter seiner Leitung lässt sich sagen, dass dieses Statement ebenso richtig wie falsch war.

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