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Die Welt voller Rätsel

„Rituale und Mysterien“ in der alten Muthesiusschule Die Welt voller Rätsel

Gewaltige Zeichnungen wuchern über ganze Zimmerwände, Installationen verwandeln Räume in Gesamtkunstwerke, Videobilder erleuchten dunkle Kabinette und hier und da flimmern Projektionen über die Köpfe der Besucher, die einen das Fürchten lehren könnten.

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Christoph Knitter hat 18 Quadratmeter Tapete für seine Rauminstallation „Mitten aus dem Quell der Annehmlichkeiten steigt etwas Bitteres hervor“ gezeichnet und gedruckt.

Quelle: bos: Björn Schaller

Kiel. Rituale und Mysterien heißt die facettenreiche Ausstellung der Klasse Zeichnung und Druckgrafik von Piotr Nathan, kuratiert von Arne Rautenberg und Katharina Jesdinsky. Gezeigt werden 31 Positionen unterschiedlicher künstlerischer Disziplinen, die sich in einem Seitentrakt der alten Muthesius Kunsthochschule räumlich nach Herzenslust ausbreiten.

 Das Thema gibt allerhand her, stellt Fragen zu einer Welt voller rätselhafter Erscheinungen und metaphysischer Verweise, spürt spirituellen Erlebnissen nach und hinterfragt Rituale fremder Kulturen. Wie findet der Mensch sich in einer Gesellschaft zurecht, die ihre metaphysische Anbindung weitgehend verloren hat? Welche Rituale hat er entwickelt, um mit dem Mysterium der eigenen Existenz klar zu kommen? Einen augenzwinkernden Antwortversuch gibt Juan Rivas. In einer raffinierten Collage lässt er Berninis Verzückung der Heiligen Theresa im schrillen Disco-Modus erscheinen – der Tanz als Moment der höchsten Verzückung. Eine Gepflogenheit der antiken Sekte der Orphiker, die ihren Toten beschriftete Goldplättchen ins Grab legten, bearbeitet Simeon Melchior in einer mehrteiligen Fotoserie. Die güldenen Grabbeigaben deutet er durch eine variantenreich raffiniert drapierte Rettungsdecke an. Die Waschung als archaisch-rituellen Vorgang nimmt Marie Klabunde in ihrer Installation Waschraum aufs Korn. Auf transparente Platten, die von der Decke hängen, projiziert sie im Loop ein assoziationsreiches Performancevideo, das (auch) Gedanken an Hitchcocks Psycho zulässt. Brachial mutet die Rauminstallation On Fire an. Jarek Zimmermann hat sich vor weißen Wänden in mythologisch beziehungsreichen Posen aufgebaut und mit Acrylfarbe und Feuerlöscher besprühen lassen. Resultat: Sein weißer „Schatten“ verschwimmt in einem Meer explodierender Farben.

 Ob Videoclip, Handzeichnung, fotografisches Experiment oder Malerei: Die ausgewählten Arbeiten überzeugen durch kreative und handwerkliche Frische. Haptische Qualität hat eine zarte Monotypie, die sich in reduzierter Figürlichkeit mit dem hierzulande nicht eben bekannten Mythos der Kniegeburt auseinandersetzt, bizarr erscheinen Projektionen nachgestellter Gemälde, die parapsychologische Phänomene verbildlichen.Um Sportrituale geht es bei Peer Kringiel. Eine komplette Wand hat er mit einer expressiven Zeichnung bedeckt, in der aus halb geöffneten Mündern seltsam geformte Utensilien ragen – ein Hinweis auf einen populären Basketballer, „der in den Spielpausen auf seinem Mundschutz herumkaut“. Sehenswert.

 Alte Muthesius Kunsthochschule / Eingang Lorenzendamm 6-8. Bis 3. Juli, täglich 12-18 Uhr

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