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Nicht zur Klaviermaschine mutiert

4. NDR-Sinfoniekonzert in Kiel Nicht zur Klaviermaschine mutiert

Man kann es nicht oft genug sagen: Die Konzerte des NDR-Sinfonieorchesters, die die Konzertdirektion Streiber vor etwa einem Vierteljahrhundert in die Landeshauptstadt holte, sind eine immense Bereicherung des Kieler Musiklebens. So fand auch das 4. NDR-Konzert der Saison mit Werken von Elgar, Prokofjew und Dvořák am Sonnabend im Schloss verdient starken Beifall.

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Das Sinfoniekonzert leitete Nikolaj Znaider. Als Solist trat der Pianist Simon Trpčeski auf.

Quelle: Marco Ehrhardt

Kiel. Beifall für das hochklassige Orchester, seinen Gastdirigenten Nikolai Znaider, der nach seiner internationalen Geigerkarriere nun auch als Dirigent zunehmend von sich reden macht, und dem allen Tastenstürmen Prokofjews souverän trotzenden Pianisten Simon Trpčeski.

In Edward Elgars Introduktion und Allegro op. 47 aus dem Jahr 1905 kam die große NDR-Streicherfraktion (mit acht Kontrabässen) gleich ordentlich in Schwung. Wie in einem barocken Concerto grosso steht dem großen Kollektiv da ein kleines Concertino in Streichquartett-Besetzung gegenüber, das bei Bedarf noch in solistische Moleküle aufgespalten wird. Das gibt vor allem in der langsamen Introduktion reizvolle Klangwechsel.

Dirigent Nikolai Znaider steuerte große und kleine Besetzung geschickt durch die Finessen der Partitur mit ihren leicht sperrigen Triolenrhythmen des langsamen und dem tänzerischen Elan des schnellen Teils samt kernigem Fugato. Dabei scheute der Dirigent sich nicht, den Streicherklang an den Höhepunkten auf Hochtouren laufen und vibrieren zu lassen. Wieder einmal war zu spüren: Ja, man müsste Elgar hierzulande häufiger hören mit seiner gekonnt-unkonventionellen Spätromantik und dem so eigenen Idiom seiner Musik!

Einen eigenen Ton hat auch Sergej Prokofjews 3. Klavierkonzert C-Dur op. 26, das populärste der fünf Konzerte für Prokofjews Leib- und Magen-Instrument. Man könnte beim Blick in die Partitur fragen: Lohnt die halbe Stunde pianistischer Höchstleistungssport die Mühe, wenn der Solist zwar teilweise vors Orchester tritt, oft aber kaum mehr ist als ein besonders virtuos geforderter Power-Dynamo im konzertanten Getriebe? Doch im Verbund mit dem reaktionsschnellen Orchester und Znaider als souverän-agilem Koordinator ließ Solist Simon Trpčeski solche Frage gegenstandslos werden.

Mit eher sportlich-schlankem als wuchtig-süffigem Klavierton ging er das Stück an, hielt den Sprung- und Laufanforderungen der Klavierpartie ohne Mühe stand und schaffte zweierlei: Erstens gab er dem Sportiven einen Schuss neoklassizistischer Schnoddrigkeit bei, so dass der rasant geforderte Mensch nicht zur Klaviermaschine mutierte. Und zweitens mischte er Prokofjews orchestralen Traumklängen, die mitunter fast ans Sentimentale grenzen, die gebotene Kühle bei, enthüllte also ihre chromglänzende Postromantik. Auch im klanglichen Mit- und Gegeneinander von Klavier und Orchester war die Aufführung eine Meisterleistung. Die fand starken Beifall und wurde durch zwei Zugaben abgerundet: Prokofjews Marsch op. 65 Nr. 10 und Chopins selten zu hörenden a-Moll-Walzer op. posth. (IVb/11).

Antonín Dvořáks 7. Symphonie d-Moll op. 70 wurde vom NDR-Sinfonieorchester unter Znaiders animierender Leitung mit Inbrunst und Schwung musiziert. Dabei nahmen feinste Holzbläsersoli sowie die unerhört sichere und klangschöne Horngruppe besonders für sich ein. Dvořáks ehrgeiziger Wurf entstand wohl unter dem großen Eindruck von Brahms’ 3. Symphonie, die der Komponist ihm schon vor der Uraufführung teilweise am Klavier vorgespielt hatte. Wer in Dvořáks Siebter somit Echos Brahms’scher Anregungen sucht, mag hie und da fündig werden, dürfte aber auch auf eigenartig ‚wagnernde’ Harmoniefolgen stoßen.

Doch solche Funde blitzen nur kurz auf in dieser typisch Dvořák’schen Sinfonie. Insgesamt tat Znaider hier mit manchen demonstrativen Temporückungen und klanglichen Zuspitzungen fast zuviel des Guten – und in puncto zeichenklarer rhythmischer Koordination der Streicher wohl doch etwas zu wenig. Da blieb manches im Ungefähren, und Vehemenz ging vor Transparenz. Starke Zustimmung war der Aufführung dennoch gewiss.

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