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Die Rache der Provinz

Heute eröffnen in Lübeck die 58. Nordischen Filmtage Die Rache der Provinz

Mit dem norwegischen Film "Rosemari" eröffnen heute Abend in Lübeck die 58. Nordischen Filmtage. Die künstlerische Leiterin Linde Fröhlich gibt hier Einblick ins Programm, das bis Sonntag 185 Filme zeigt. 

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Quelle: NFL

Lübeck. Ein bisschen stolz ist Linde Fröhlich schon: Acht deutsche und zwei internationale Premieren, dazu eine Welturaufführung allein im Wettbewerb um den mit 12500 Euro dotierten NDR-Filmpreis – das ist beachtlich. „Ein gutes Filmjahr mit vielen jungen Regisseuren“, sagt die Künstlerische Leiterin der Nordischen Filmtage, die heute in Lübeck beginnen, „aber wir haben auch einen guten Ruf. Man vertraut uns Filme an. Wir verfolgen kontinuierlich das Filmschaffen im Norden, haben Projekte im Blick, begleiten Regisseure wie die Norwegerin Sara Johnsen, die schon mehrfach in Lübeck war und heute den Eröffnungsfilm Rosemari vorstellen wird.“

 Auch der Schwede Johan Löfstedt hat sein Debüt nach Lübeck gebracht; in Kleinstadt, einer Uraufführung, macht er die eigene Familie zu Darstellern einer fiktiven Familiengeschichte. „Das ist schon faszinierend zu sehen, wie er Home-Videos mit Spielszenen zusammenschneidet“, so Fröhlich, „er ist mittendrin im Alltag dieser sehr normalen Menschen.“

 185 Filme gehen bis Sonntag über die Leinwand, von den nordischen Entdeckern der Retrospektive über das 360-Grad-Kinozelt bis zum Filmforum, in dem sich die hiesige Filmszene präsentiert. 17 Spielfilme konkurrieren um den NDR-Filmpreis. „Es ist die Rache der Provinz“, beschreibt Fröhlich den roten Faden, „egal, ob Schweden, Dänemark, Estland oder Norwegen – die Filme spielen abseits der Metropolen.“ Da ist der Pyromaniac, der in norwegischen Bergdörfern sein Unwesen treibt, die estnische Kleinstadt, die im Krimi Mutter porträtiert wird („eine stille Crime Comedy“) oder der neue Thriller des Isländers Baltasar Kórmakur (101 Reykjavik), der in Der Eid auch als Hauptdarsteller durch die Lavafelder Islands stolpert. „In der Provinz lässt sich eben vieles konzentrieren, wie durchs Brennglas beobachten.“

 Selbst wenn die Großstadt zum Schauplatz wird, beleuchten die Filme den Rand der Gesellschaft – in Drifters eine illegale Wohnwagensiedlung in Stockholm oder wenn Rasmus Heisterberg in Im Blut seine studentischen Helden durch die Randbezirke Kopenhagens streifen lässt. Auffällig ist die Zahl der Koproduktionen. „Das zeigt einfach, wie das Kino immer internationaler wird“, sagt Fröhlich. Passt das mit den Provinzgeschichten zusammen? „Auf jeden Fall. Das Spannende ist doch, dass die Filme regional verortet bleiben, aber Themen von globaler oder einfach menschlicher Bedeutung verhandeln.“

 Das erklärt auch den internationalen Erfolg skandinavischer Serien, denen die Filmtage erstmals eine Reihe widmen – vom isländisch-deutschen Schneesturm-Thriller Trapped bis zu Hella Joofs Post-Scheidungs-Comedy Splitting Up Together. „Ich gucke alles, was Arte davon bringt, mit Begeisterung“, so Fröhlich, „aber die Auswertung solcher Serien ist längst nicht mehr aufs Fernsehen und bestimmte Wochentage beschränkt. Dem kommen wir entgegen.“ Dazu kommt, dass die Vernetzung zwischen Fernsehen und Film in Skandinavien viel enger ist und Fördermittel im Norden reichlicher fließen.

 Das gilt auch für die Dokumentarfilmsparte mit dem Schwerpunkt Migration. Kwassa Kwassa erzählt von waghalsigen Seefahrern auf den Komoren, die in federleichten Fiberglasbooten Menschen Richtung „Europa“, also auf die zu Frankreich gehörenden Insel Mayotte, transportieren. In Ambulance rauscht der in Norwegen lebende Dokumentarfilmer Mohamed Jabaly mit einem Krankenwagen durch den Bombenhagel in Gaza-Stadt. Dänemark ist spätestens seit der Afghanistan-Kriegsreportage Armadillo (2010) von Janus Metz Pedersen bekannt für großräumige Mittendrin-Dokumentationen, und so haben Moritz Siebert und Estephan Wagner ihrem Protagonisten Abou Bakar Sidibé aus Mali gleich die Kamera in die Hand gedrückt, um das Leben in einem marokkanischen Lager vor dem Grenzzaun zur spanischen Enklave Melilla zu filmen.

 „Das ist ein sehr unmittelbarer, fast ungefilterter Blick in den Flüchtlingsalltag“, sagt Linde Fröhlich. „Ich mag es aber auch sehr, im Film Menschen kennenzulernen.“ Das kann der Afghane Wasiullah sein, den Der Traum von Dänemark auf der Flucht vor der Abschiebung begleitet, aber auch der zwischen Gehen oder Bleiben hin- und hergerissene samische Rapper SlinCraze (Arctic Superstar) oder der Künstler Per Kirkeby, der nach einer Hirnverletzung den Weg zurück ins Leben und ins Malen sucht (Man Falling).

 Nordische Filmtage Lübeck (2.-6. November)

 Rosemari: Publikumsvorführung Eröffnungsfilm, heute, 19 Uhr, Kolosseum.

 Mit Sven Hedin durch Asiens Wüsten: Stummfilm mit Livemusik von Studierenden der Musikhochschule Lübeck. Do, 3. Nov., 20 Uhr, Museumskirche St. Katharinen.

 Windjammer: Open Air Kino im Gefängnishof des Hansemuseums. Do, 3. + Fr, 4. Nov., jeweils 17 Uhr. Eintritt frei.

 Die weiße Wüste: Stummfilm mit den Musikern Krischa Weber und Goran Lazarevic. Fr, 4. Nov., 20 Uhr, Museumskriche St. Katharinen.

 360-Grad-Kino, Altstadtbad Krähenteich, bis So, 6. Nov.

 Programm + Katalog: www.filmtage.luebeck.de; Kartentel. 0451/703 0102, www.cinestar.de

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