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Wo die frischen Farben wohnen

63. Landesschau in der Stadtgalerie Wo die frischen Farben wohnen

Die 63. BBK- Landesschau wird am Freitag um 19 Uhr in der Kieler Stadtgalerie eröffnet. Zu sehen sind 90 Arbeiten von 72 Künstlerinnen und Künstlern. Keine einfache Wagl für die Jury, die 572 Werke zu begutachten hatte.

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Tobias Regensburger mischt die Szene auf: Links eine Arbeit von Claus Vahle, rechts hochformatige Computerprints von Sinje Eggers.

Quelle: Foto: Marco Ehrhardt

Kiel. Wie der Monolith einer versunkenen Kieler Kunstära steht sie braun und dunkel im Weg, die Koffermauer/Klagemauer von Raffael Rheinsberg. Im Foyer der Stadtgalerie, wo heute Abend die 63. BK-Landesschau eröffnet wird, verbeugt man sich vor dem Künstler, der am 27. Oktober gestorben ist. Und auch zur Kunst, die dem Besucher im Entree so poppig bis farbfrisch entgegenkommt, steht Rheinsbergs Bildsprache seltsam quer, spricht doch Stadtgalerie-Direktor Wolfgang Zeigerer als Gastgeber großzügig von der schönsten Landesschau, die er je gesehen habe.

 Nun ist es ja so eine Sache mit der Schönheit in der Kunst, aber Monika Rathlev nahm gestern als BBK-Vorsitzende solche Komplimente allein schon deshalb gern entgegen, weil sie die Jury-Sitzungen als ihre bislang „schwierigste“ bezeichnete. Angesichts von 572 eingereichten Arbeiten, von denen nun 90 hängen oder stehen, mag man ihren Stoßseufzer teilen, denn eine Landesschau in Kiel und noch dazu in den attraktiven Räumen der Stadtgalerie mobilisiert sichtbar stärker als an den Stationen der letzten beiden Jahre in Pinneberg und Eutin.

 Schon in den vergangenen Jahren war die Malerei tonangebend. Viel leiser schon die Grafik, Fotografie, Video und Skulptur nur punktuell, Installation so gut wie Fehlanzeige. Ein Trend, der sich 2016 angesichts dominierender Leinwand-Flachware an den weißen Wänden der Stadtgalerie als ungebrochen erweist. Ausgelebt wird dieser Drang in allen stilistischen Spielarten, realistisch, Pop-artig, surreal, informell, gestisch oder konstruktiv. Die Maler beherrschen ihr Handwerk, denn Qualität hat die Künstlerjury im Blick, aber viele schwimmen leider auch auffällig in sicherem Fahrwasser.

 Nicht immer kann die Ausstellung soviel Spannung aufbauen wie im ersten großen Raum, wo Tobias Regensburger das Leinwandfeld mit seiner fulminanten Trash-Lady aufmischt. Da bringt er sie wieder auf den Punkt, seine Spielernatur, die sich skurril in Details auslebt, dabei aber die bildhauerische Geste nicht aus den Augen verliert. Und spannend, dass sich hier ein konstruktiver „Klassiker“ wie Gerhard Backschat kleinformatig, aber mit aller Leuchtkraft einmischen darf.

 Unter den Malerinnen und Malern behaupten sich Claudia Bormann, deren Landschaft Zambesi geheimnisvoll ins Ungefähre vordringt. Otto Jeschke ist der ruhende Gegenpol in einem Raum, in dem malerische Handschriften wild konkurrieren. Wie er Farbvaleurs abstuft und traumwandlerisch Lichtstimmung evoziert, hat eine Art. Schräg gegenüber wird Hanne Nagel-Axelsen den ironischen Wink wohl verstehen, ihre Gestörten Zeichen mit einem Bildnachbarn zu versehen, der auf das Zebra-Markenzeichen ihres Mannes anspielt. Allein, statt Karin Daums vielhändigem Coffee break hätte man doch entschieden lieber einen fein durchkomponierten Peter Nagel gesehen.

 Wohl komponiert, trotz stilistischer Vielsprachigkeit, sind die Räume der Ausstellung. Farbe und große Formate werden durch Zonen konterkariert, die auf reduzierte Schwarz-Weiß-Wirkung setzen und die Augen wieder aufnahmefähig machen. Waltraud M. Stalbohm dominiert da mit ihrem stillen Großformat Frau mit Umhang und ihrer Büste Frau mit Kappe einen solchen Raum, der starkes grafisches Potenzial dieser Landeschau ins rechte Licht rückt. Und Namedropping muss sein, auch wenn es angesichts von 90 Namen schreiend ungerecht bleibt. In einer Landesschau, in der die über 60-Jährigen die weitaus stärkste Altersgruppe stellen, sind gerade hier Überraschungen auszumachen: Regine Bonke überblendet in einem Loop sechs identische Minimal-Wandskulpturen so variantenreich und farbig, dass immer neue Raumebenen und Perspektiven entstehen. Annegret Zucker erlaubt sich seit einigen Jahren die Farbe, die sie in ihrem nordisch gestimmten Gemälde Am Gletscher wohldosiert einsetzt. Auf neue Wege traut sich auch Brigitta Borchert mit ihren knalligen Tablet-Zeichnungen: Hut ab!

 Und die Fotografie? Jan KB, der bildmäßig hübsch um die Ecke denkt, ist zu entdecken, aber zu erwähnen ist wieder unbedingt Bernd Hamann, der mit dem Medium auf seine Weise spielt. Seine Fotoarbeit eines wundersamen Materiallagers hätte aber der Entzauberung durch das Modell nebenan nicht bedurft. Eigentlich schade, wenn man der Fantasie des Betrachters nicht genug zutraut.

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