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Neue Horizonte über der Elbtalaue

70. Sommerliche Musiktage Hitzacker Neue Horizonte über der Elbtalaue

Es bleibt ein kaum fassbares Mysterium, dass sich bereits im Jahr 1946, kurz nach Ende des grausigsten aller Kriege, Flüchtlinge und Einheimische in Hitzacker an der Elbe zusammentaten, um ein Kammermusikfest aus der Taufe zu heben.

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Vision String Quartet (v.li.) mit Sander Stuart, Leonard Disselhorst, Jakob Encke und Daniel Stoll.

Quelle: Vision String

Hitzacker. Es fehlte ihnen nicht nur an Essensmarken und heiler Kleidung – auch die Seele sehnte sich nach positiven Schwingungen. Ohne Musik war das Leben für sie offenbar ein Irrtum.

 Auch nach 70 Jahren scheint dieser Geist bei Deutschlands ältestem Kammermusikfestival lebendig. Nach wie vor fühlen sich dort Musiker und Zuhörer spürbar nah beeinander, wenn sie dem Festivalmotto folgenden zwischen Tradition und Innovation Wege zur Kunst suchen – und es sich dabei bewusst nicht leicht machen.

 Die Geigerin Carolin Widmann, die am kommenden Wochenende die künstlerische Leitung der Sommerlichen Musiktage Hitzacker an den Hannoveraner Streichquartett-Professor Oliver Wille abgibt, ist so eine Pfadfinderin. Im Eröffnungskonzert ließ sie sich auf ein barockes Festmusik-Duell mit dem maximal virtuosen Blockflötisten Maurice Steeger ein. Dass sie dabei, begleitet von dem sagenhaft souveränen Cembalisten Naoki Kitaya, auf einer Barockgeige mit Darmsaiten spielte, wurde ihr fast zum Verhängnis: Eine neu aufgespannte Saite wollte sich partout nicht in Stimmung bringen lassen. Widmann vollführte deshalb in einem Telemann-Trio spontan einen tollkühnen Vermeidungskampf um sie herum.

 Das hatte die Geigerin dann bei Rückkehr zu ihrem Gagliano-Instrument mit Stahlsaiten neben dem immer noch eindrucksvoll durchdringend blasenden Oboisten Heinz Holliger nicht mehr nötig. Dafür hätte sie spürbar gerne feinere Barock-Rhetorik ins Bachsche c-Moll-Doppelkonzert eingebracht als es der eher stoische Komponist aus der Schweiz zuließ. Der erreichte als Dirigent des Ensemble Resonanz im eigenen Meta arca und vor allem in der düster funkelnden Musique funèbre von Witold Lutoslawski dafür aber Eindrucksvolles.

 Der akustisch bestens funktionierende Verdo-Konzertsaal auf der Endmoräne hoch über der Elbtalaue wird bei den „Sommerlichen“ gerne zum Labor für Unerhörtes. Ob die von der Forberg-Schneider-Stiftung mit dem Belmont-Preis ausgezeichnete serbische Komponistin Milica Djordjevic den in Hass umschlagenden Aufschrei zerstörter Liebe in Töne fasste oder das überragende Duo Christian Tetzlaff und Lars Vogt Brahms’ Violinsonaten in Konfrontation mit Anton Weberns minutiösen Stücken op. 7 voll von spröden Brüchen, harten Kanten, mehrschichtigen Rhythmen als tollkühnen Wegbereiter der Zweiten Wiener Schule auswies – solch elektrisierend extremen Spannungen sind hier erhellendes Programm.

 Dazwischen lässt stets der Nachwuchs aufhorchen. Während sich das Trio Catch mit Boglarka Pecze (Klarinette), Eva Boesch (Violoncello) und Sun-Young Nam (Klavier) bei Brahms’ Opus 114 noch in kontrastarmen Impressionismen verzärtelte, traf es die geräuschhaften Klangverschränkungen in Helmut Lachenmanns länglichem Allegro sostenuto famos. Jugendliche Energie pur, spürbar querbefeuert durch Erfahrungen im Jazz bietet das Vision String Quartet. Auswendig (!) legten sie die Wunden in Schostakowitschs’ Achtem Streichquartett offen oder waren willig anschauliches Spielball-Instrument in Felix Mendelssohns Quartett-Requiem auf Fanny op. 80, dessen schmerzverzerrten Beginn Markus Fein in einer „Hörer-Akademie“ trefflich auseinandernahm. Auch diese Art der aufwändig eindringlichen Live-Suche nach der Seele einer Komposition ist festivaltypisch. Wer zu den Sommerlichen Musiktagen nach Hitzacker reist, kehrt mit geweitetem Horizont zurück. (Amke Boekhoff)

 Sommerliche Musiktage Hitzacker. Weitere Konzerte bis einschließlich Sonntag, 2. August. Im Jahr 2016 läuft das Festival vom 30. Juli bis 7. August. www.musiktage-hitzacker.de

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