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Erfrischend unsentimental

8. Philharmonisches Konzert Erfrischend unsentimental

Kann etwas erfrischend und zugleich aufwühlend sein? Ja, zumindest wenn man beides deutlich voneinander unterscheidet. Eindrucksvoll zu verfolgen war das in Kiel am Sonntagvormittag im zweiten Teil des mit viel Applaus bedachten 8. Philharmonischen Konzertes.

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Bei Bartók bestens aufeinander eingespielt: Orchester mit Dirigent Oleg Caetani und Solistin Antje Weithaas.

Quelle: Marco Ehrhardt

Kiel. Da entfettete Gastdirigent Oleg Caetani Tschaikowskis 6. Symphonie (Pathétique) höchst packend und überzeugend. Anders als man es noch heute oft hört, wurden bei ihm in der langsamen Einleitung sowie im Seitenthema des 1. Satzes und vor allem im abschließenden Adagio lamentoso die melancholischen und pathetischen Gefühlsäußerungen nicht mit der Emotions-Straßenwalze überrollt und sentimental überdehnt.

 Das Leidenschaftliche und das Leidende, das sicherlich in dieser seinerzeit tabubrechenden Komposition steckt, verkamen nicht zum filmmusikartigen Breitwandsound, weil Dirigent und Orchester sich eng an Tschaikowskis Ausdrucks- und Metronomangaben hielten. Dadurch gewann das Werk an Kompaktheit, Folgerichtigkeit und Authentizität, ohne an Leidenschaft zu verlieren – nur der Kitsch wurde ihm ausgetrieben, der ja nicht immer eine Sache der Musik selbst ist, sondern auch ein Resultat der Wiedergabe sein kann.

 Bei Caetani herrscht strikte Form- und Ausdruckskonsequenz ohne Gefühlsdrücker: Tränen sind erlaubt, doch die Träne im Knopfloch ist verpönt! Nachdem der Allegro-Hauptteil des 1. Satzes anfangs in den Streichern noch leicht ausfranste, folgten Kiels Philharmoniker Caetanis Werksicht und seiner klaren, vorausschauenden Zeichengebung ungemein konzentriert und lebendig: Die Holz- und Blechbläser leisteten solistisch und als Gruppen Bemerkenswertes, die Streicher bildeten die agil-verlässliche Basis des Klanges. Man erlebte eine Meisterleistung aufwühlender und zugleich erfrischender Tschaikowski-Interpretation!

 Eine orchestrale und solistische Meisterleistung bildete vor der Pause auch die Wiedergabe von Béla Bartóks 2. Violinkonzert. Unter Caetanis klug und vital koordinierender Leitung konnte die phänomenale Solistin Antje Weithaas – zuletzt im Neujahrskonzert 2004 gefeierter Gast in Kiel – alle Tugenden ihres Spiels entfalten, als da sind lyrische Leidenschaft und lyrische Versenkung bis hin zu spinnwebartig feinen Tönen, ruppiges Vorwärtsdrängen in Passagen und Tripelgriffen, folkloristische Lebendigkeit und ein untrügliches rhythmisches Gespür für Bartóks vertrackte Vernetzung von Solo und Orchester. Nie wirken ihr Temperament und ihre Zartheit aufgesetzt, sondern sind stets in der Musik begründet.

 Dank Caetanis Achtsamkeit stimmte auch die Klangbalance zwischen ihrem variablen, stets schlanken, doch tragfähigen Violinton und dem Orchester. So waren hier ebenfalls Bravos fällig. Der Besuch des Konzertes heute Abend ist Musikfreunden dringend anzuraten. Vielleicht wird dann auch die schöne Ouvertüre zur Oper Der Wasserträger des von Beethoven und Brahms geschätzten Luigi Cherubini noch mehr als ein Aufwärmstück werden.

Das Konzert wird am Montag um 20 Uhr im Kieler Schloss wiederholt. Karten 0431 / 901-901 und an der Abendkasse.

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