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Der Rock hat sich das Zepter zurückgeholt

8. Rolling Stone Weekender Der Rock hat sich das Zepter zurückgeholt

Gut, dass der achte Rolling Stone Weekender die Kurve zurück zum tendenziell wieder Rockigeren, Straighteren, auch Sperrigeren gekriegt hat. Denn der Vorgänger hatte mit einem Gewicht auf gefühligen, schwelgerischen Klängen und teils pathetischem Habitus der Künstler auf Strecke etwas ermüdet.

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Quirliger Blickfang im smarten, grünen Samt-Anzug: Crispian Mills, Sänger und Gitarrist der Brit-Pop-Band Kula Shaker.

Quelle: Manuel Weber

Wangels. So aber erlebten die rund 4000 Gäste des abermals ausverkauften Festivals am Wochenende im Ferienzentrum Weissenhäuser Strand einen abwechslungsreichen, zweitägigen Konzertmarathon, der wegen der Überschneidungen wieder teils schmerzliche Entscheidungen erzwang: Was nehm’ ich mit, was lass’ ich liegen ...?

Amanda Palmer eröffnete das Festival spektakulär unspektakulär – mit einem Gang von der VIP-Tribüne quer durch die Menge im großen Musikzelt, unverstärkt zur Ukulele Radioheads Creep singend. Oben angekommen nahm das Ex-Dresden-Dolls-Mitglied Platz am weißen Flügel, mokierte sich über den Elton-John-Moment und startete in ein intensives Solo-Set (den Schlagzeuger hatte sie zu Hause gelassen) mit eigenen Songs und weiteren Cover-Versionen, auch von Kurt Weill, einem ihrer erklärten Lieblingskomponisten.

Das sind die Bilder vom Rolling Stone Weekender.

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Nur eine der starken Frauen, die diesem RSW einen prägenden Stempel aufdrückten. Die kalifornische Singer/Songwriterin Julia Holter und Band ließen im anständig gefüllten Baltic Festsaal ihre versponnenen, von angenehm windschiefem Pathos umwehten Songs immer lauter wachsen. Auf der Zeltbühne gab Boss-Hog-Sängerin Christina Martinez posenreich die düster-laszive Diva, während Ehemann und Gitarrist Jon Spencer und der Rest der schwarzgekleideten Band den bluesigen Post-Punkrock mächtig rollen ließen, wie im groovigen Band-Klassiker Itchy & Scratchy. Gegen Ende des Sets unternahm Martinez auf einer weichen Matratze ein Crowdsurfing über die ausgestreckten Arme der Gäste, lärmend untermalt von der Band, während Spencer mehrfach „I’m a ghost!“ skandierte. Befremdlich. Auf der Bühne in der luftig gefüllten Alm ließ die neuseeländische Entdeckung Aldous Harding ihre Stimme sanft vibrieren und manchmal auch die Augenlider flattern zu filigranen, trauerumflorten Folksongs. Intim, versonnen, introspektiv, enigmatisch. Eine reine Frauenband hatte im Zelt die dänische Singer/Songwriterin Agnes Obel versammelt, um ihren von Cello-Gesumm und Bass-Saxofon-Gebrumm aufgeladenen, mit Klarinetten-Kringeln und Mellotron-Tönen verzierten, elbisch-zarten Folk-Pop zu zelebrieren. Dazu noch dieser glockenreine Satzgesang, und man sah die Glühwürmchen förmlich auf der Waldlichtung tanzen.

Auch wenn’s dem Klischee in die Hände spielt: Fürs Hitzige, Schweißtreibende, Ruppige waren eher die Männer zuständig. The Sonics, 1965 in Seattle gegründete Proto-Punk-Band in Originalbesetzung, lieferte im selten so gut gefüllten Zelt vor euphorischem Publikum ein unwiderstehlich dreckig hingeschrubbtes, energiegeladenes Set ab, gespickt mit Rock’n’Roll- und Rock-Klassikern wie Lucille, Money oder The Hard Way von The Kinks. Auch Kula Shaker gaben im Festsaal ein ungeheuer mitreißendes Konzert. Die Band um den quirligen Sänger Crispian Mills (im grünen Samtanzug), die schon in den 90ern ihren Brit-Pop psychedelisch rockig und mit klassischer indischer Musik aufluden, machen so auch auf ihrem aktuellen Album K 2.0 weiter. Bei Nathaniel Rateliff & The Night Sweats kochte spätestens nach dem dritten Song der Festsaal. Der Name der Begleitband war bald Programm, denn nicht nur beim stämmigen, bärtigen Bandleader, auch beim dicht gedrängten Publikum rann der Schweiß. Nicht nur wegen der hitzigen Gospelmesse beim Hit S.O.B. mitten im Set, bei der dem einen oder anderen Zuschauer ein lautes „Hallelujah!“ entfuhr, sondern auch wegen der munter zwischen Stax-, Motown-, Memphis- und Atlantic-Soul hin und her switchenden Songs, gesungen mit Rateliffs kräftiger Stimme, bei der Sam Cooke Solomon Burke umarmt.

Soul ist auch ein starkes Element in den Popsongs der Tindersticks, mit dem phänomenalen neuen Album The Waiting Room und Songs wie Where We Once Lovers? ist nun auch noch Funk hinzugekommen. Doch überwiegend spielte die britische Band um den charismatischen Sänger Stuart A. Staples reduzierte, zurückhaltende Balladen. Und dann hatte sie es extrem schwer gegen das lautstarke Raunen der permanent quasselnden Tresen-Banausen am Rande des Musikzelts, die immer wieder verständnislos-genervte Blicke aus dem der Band zugewandten Publikum und einmal auch das von einer Frau ärgerlich gebrüllte „Shut up!“ provozierten.

Ein Problem, mit dem Wilco als letzter Act des Festivals nicht zu kämpfen hatten. Vom Start weg verbreitete die Band vor etlichen blickend bunten Leuchtdioden Party-Atmosphäre mit saftigem Glam-Rock (Random Name Generator oder auch Locator vom neuen Album Schmilco) oder zuckender Indie-Disco (Art Of Almost). Feine Indie-Americana-Balladen gab’s aber natürlich auch von dem Sextett um den kreativen Kopf, Sänger und Gitarristen Jeff Tweedy. „We live here“, scherzte der gegen Ende des Sets in Anspielung darauf, dass Wilco bereits 2009 und 2011 beim RSW gespielt haben (und Tweedy 2014 mit seinem Solo-Projekt). Schlecht wär’s nicht, diese fantastische Band aus Chicago könnte hier gern jedes Jahr spielen.

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Ein Artikel von
Thomas Bunjes
Kulturredaktion

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Rolling Stone Weekender
Foto: Begeisterte Besucher beim Rolling Stone Weekender in Weissenhäuser Strand.

Stilistische Wechselbäder am ersten Tag des ausverkauften Rolling Stone Weekenders (RSW) im Ferienpark Weissenhäuser Strand. Amanda Palmer (Ex-Dresden Dolls) eröffnete das Festival auf der Ukulele spielend und singend mit einem Gang durch die Menge bis zu Bühne.

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