16 ° / 12 ° Regenschauer

Navigation:
Im Kokon der Klänge

ADHD in Kiel Im Kokon der Klänge

Das ist Musik, die einhüllt. Die einen Kokon aus Tönen und Takten webt. Watteweich, wären da nicht hin und wieder ein paar kratzige Fäden in den Kompositionen des Quartetts ADHD. Im gut besuchten Kieler Kulturforum schufen die vier Isländer einen eigenwilligen, oft auch eigenartigen Klangkosmos.

Voriger Artikel
SPD und Grüne wollen Sanierung des St. Pauli Theaters unterstützen
Nächster Artikel
Baustelle am magischen Ort

Im gut besuchten Kieler Kulturforum schufen die vier Isländer einen eigenwilligen, oft auch eigenartigen Klangkosmos.

Quelle: Michael Kaniecki

Kiel. Jazz, Prog-Rock, Indie und Folk: fesselnd und faszinierend. Oft zerbröckeln diese Stücke am Ende einfach, haben keinen Schluss. Ein paar Teile driften hinüber ins nächste Stück, sortieren sich, werden ergänzt, ganz organisch wächst das zu einem neuen Lied zusammen. Magnús Trygvason Eliassen, der in ultra-bequemen Schlabberhosen samt Wollstulpen um die Waden an seinem Schlagzeug-Set sitzt, klöppelt auf den Fellen und Becken. Irgendwann bläst Óskar Guðjónsson eine seiner sämigen, warmen Saxofon-Phrasen darüber. Sein Bruder Ómar bietet ihm auf der Gitarre Dialoge an, bricht auf den Saiten aber auch immer wieder zu waghalsigen Expeditionen auf, effektgeladen wie die Klänge, die Davíð Þór Jónsson aus dem Synthesizer beisteuert, wenn er nicht für fette Akkorde die Hammond-Orgel oder für schlankere den Flügel wählt.

 Hin und wieder lehnt Óskar Guðjónsson hinten am Verstärker. Lauscht den Frickeleien, die sein Bruder auf den Saiten veranstaltet, steht nur so da oder wippt auch mal mit. Einmal nähert sich der Saxofonist langsam dem Bühnenrand, beäugt dann unter dem Schirm seiner Cap hervor prüfend das Publikum. Was er sucht, kann man nur vermuten. Was er sieht, sind konzentrierte Mienen, im Rhythmus nickende Köpfe, einige wiegen sich mit geschlossenen Augen, lassen sich in die Kompositionen und Improvisationen fallen. Gitarre und vor allem Saxofon als Lead-Instrumente prägen solistisch das Konzert. Während Ómar Guðjónsson sich immer wieder derart stramm in seine Soli hineindehnt, dass sich seine Hacken vom Boden heben, pustet Óskar sehr gelassen und wie selbstverständlich seine Figuren luftig ins dichte Geflecht der Klänge.

 So driften ADHD relaxt und ein wenig melancholisch im mittleren Tempo, geben aber auch mal urplötzlich Gas und eruptieren wie die Geysire auf ihrer Heimatinsel. Um schon bald wieder in einen bedächtigeren Bar-Jazz-Modus zu wechseln, wie beim für die Zugabe aufgesparten Sveðjan vom neuen Album 5 – zunächst handgetrommelt, von sphärischen Keyboards umflort, von einem pulsierenden Bass getragen und mit einer elegischen, eleganten Saxofon-Melodie versehen. Wenn tiefere Töne gebraucht werden, tauscht Ómar Guðjónsson seine Gitarre gegen einen halbakustischen Bass.

 Als nach rund anderthalb Stunden und einer Zugabe mit zwei Stücken das unerbittliche Neonlicht im Saal anspringt, klatscht und johlt das Publikum immer noch nach mehr. Die vier Isländer kehren tatsächlich zurück, aber nur, um sich ein letztes Mal ganz tief zu verbeugen. Es ist alles gesagt.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Nachrichten: Kultur 2/3