23 ° / 12 ° Regenschauer

Navigation:
Abschied von Günter Grass

Lübeck Abschied von Günter Grass

Fast überlagerte die Politik die Kunst, in Lübeck bei der Gedenkfeier für Günter Grass. Gäste und Redner würdigten seine Werke, aber fast noch öfter seine Einmischung, den politischen Menschen Grass.

Voriger Artikel
Irving würdigt Grass
Nächster Artikel
Edith Piaf in Flensburg

Bundespräsident Joachim Gauck (links) und der US-amerikanische Autor John Irving auf einem Empfang im Garten des Günter Grass-Hauses nach der zentralen Gedenkfeier für den Schriftsteller Günter Grass. Grass war am 13.04.2015 im Alter von 87 Jahren gestorben.

Quelle: Christian Charisius/dpa

Lübeck. Mit einer wehmütigen und auch politischen Gedenkfeier hat Deutschland Abschied von Günter Grass genommen. Knapp vier Wochen nach seinem Tod gedachten in seiner Wahlheimat-Stadt Lübeck 900 Gäste aus Kultur, Politik und Gesellschaft des Literaturnobelpreisträgers. Grass war am 13. April im Alter von 87 Jahren in Lübeck gestorben.

Der Hauptredner, US-Autor John Irving („Garp und wie er die Welt sah“) und enge Freund, würdigt Grass als einzigartig. „Es gibt keine Schriftsteller mehr — keine wie ihn.“ Grass habe immer verlangt, man müsse zornig bleiben. Nicht nur in dieser Hinsicht nehme er seinen Freund Günter Grass als Vorbild.

Irving erinnerte an den Spielzeughändler aus der „Blechtrommel“, von dem die Hauptfigur Oskar Matzerath seine Trommeln bezog. Er wisse jetzt, wie sich Oskar gefühlt habe, als dieser Mann, der Jude Sigismund Markus, von den Nazis in den Selbstmord getrieben, plötzlich nicht mehr da war. „Günter Grass war der König der Spielzeughändler. Jetzt hat er uns verlassen und alles Spielzeug aus dieser Welt mitgenommen“, sagte Irving.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) würdigte den Liternobelpreisträger als unerschütterlichen Mahner, der sich nicht zu schade gewesen sei, sich immer wieder mit der „stinkenden Realität“ auseinanderzusetzen. „Günter Grass steht wie kaum ein anderer für den Künstler als kritisches Korrektiv demokratischer Politik.“

Unter den Gästen waren auch zahlreiche SPD-Spitzenpolitiker. Grass hatte die Sozialdemokraten lange unterstützt, besonders Willy Brandt. Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel betonte, Grass habe bis zuletzt auch gegenüber der SPD immer sein Prinzip der „kritischen Solidarität“ gelebt. „Er hat mir immer wieder Ratschläge gegeben, auch ungebeten. Am meisten wird mir der Schriftsteller Günter Grass fehlen.“

Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) sagte: „Günter Grass war ein kolossal mutiger Mensch“, denn er habe sich immer wieder ohne Rücksicht auf sich selbst eingemischt. „Günter Grass wird fehlen. Als Schreiber ebenso wie als Störenfried.“

Der Autor Adolf Muschg sagte am Rande der Gedenkfeier, Günter Grass sei einer der wenigen Jahrhundertdichter. Der 33-jährige Schriftsteller Benjamin Lebert bedauerte: „Ich habe einen literarischen Großvater verloren.“ Der Schauspieler Mario Adorf lobte, Grass habe sich nie einfach zurückgelehnt, sondern seine Stimme erhoben.

Auch andere Sozialdemokraten würdigten Grass. Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder sagte: „Er war für mich ein kluger und sehr kritischer Ratgeber.“ Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz bekannte, Grass habe „uns alle fasziniert“. „Er war ein Demokrat, der sich immer eingemischt hat.“ Und Nordrhein-Westfalens Regierungschefin Hannelore Kraft bekannte: „Mir fehlt der Mensch Günter Grass.“

In der Gedenkfeier las die Grass-Tochter Helene das Gedicht „Mir träumte, ich müsste Abschied nehmen aus dem Buch „Die Rättin“ (1986). Darin heißt es: „Ich schreibe zum Schluß meinen Feinden ein Wort: Schwamm drüber — oder: Es lohnte den Streit nicht. Auf einmal habe ich Zeit.“

Mehrmals kam die Geburtsstadt von Grass, Danzig, zur Sprache. Das Oberhaupt Danzigs, Pawel Adamowicz, dankte Grass für seinen Einsatz für Danzig und Polen.

Grass wurde bereits Ende April im engsten Familienkreis in seinem langjährigen Wohnort Behlendorf im Süden Lübecks beigesetzt.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Testen Sie die KN

Digitales Abo, ePaper,
klassische Tageszeitung
online buchen & testen!

Sagen Sie es uns!

Vorschläge oder Kritik?
Schreiben Sie
der Redaktion!

Anzeige
ANZEIGE
Mehr zum Artikel
„König der Spielzeughändler“
Foto: Gedenken an den verstorbenen Günter Grass (Foto): John Irving hielt die Hauptrede.

Bei der Trauerfeier für Günter Grass in Lübeck hat der US-amerikanische Autor John Irving („Garp und wie er die Welt sah“) am Sonntag vor rund 900 Gästen die Hauptrede gehalten.

  • Kommentare
Kostenpflichtiger Inhalt mehr