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Das Neue im Alten

Abschluss der Kieler Tage für neue Musik Das Neue im Alten

Von der „Antiquiertheit der Neuen Musik“ sprach der Philosoph Christian Grüny provokant am Freitag in seinem Vortrag zur Situation der Neuen Musik. Die Neue Musik läutete in den 1950er Jahren in bewusst scharfer Abgrenzung zum Früheren eine neue Zeit ein, konnte jedoch ihre vielfältigen Wurzeln in der Musikgeschichte nie leugnen. Solche Bezüge des Neuen zum Alten durchzogen nicht nur den Klavierabend von Florian Hoellscher, sondern setzten sich im Abschlusskonzert Junge Musik mit chiffren Ensemble und Studio Musikfabrik fort.

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Die „Junge Musik“ in der Halle 400 vereinte gestern chiffren Ensemble (rechts) und Studio Musikfabrik.

Quelle: ehr - Marco Ehrhardt

KIEL. Das Neue der Neuen Musik lag auch hier gerade im Bezug auf das Alte und den innovativen Umgang mit ihm. Etwa bei Pelle Gudmundsen-Holmgreen, der in OG, komponiert zum 200. Geburtstag von Søren Kierkegaard, mehrfach Mozarts Don Giovanni zitiert, freilich nicht eins zu eins, sondern aus der Vergangenheit in heutige Klangsphären geradezu katapultiert. Das hat etwas Respektloses, das gleichwohl dem Alten Respekt zollt, indem es als immer wieder neu bearbeitbares Material eben nicht aufs „Altenteil“ der Klassik verbannt wird.

 Die alte Musik ersteht in der neuen wieder auf, ganz buchstäblich in Matthias Ronnefelds Orgelwerk Christ ist erstanden, das der Leiter des chiffren Ensembles, Johannes Harneit, erneut für Orchester bearbeitet hat, diesmal in einer Fassung für zwei Ensembles, die räumlich von einander getrennt, das Publikum zwischen ihnen, den alten Choral in sinfonischer Dimension neu formulieren – ergänzt um drei Improvisationen, die zuweilen rein pantomimisch die Musik aus der Taufe der Stille heben. Statt Grablegung also Auferstehung des Alten im Neuen.

 Nicht anders in Salvatore Sciarrinos Quattro Intermezzi aus der Kammeroper Luci mie traditrici, wo Sciarrino eine barocke Elegie zunächst notengetreu zitiert, um sie in den folgenden drei Variationen mehr und mehr zu dekonstruieren, sprich auf ihren eigentlichen, im Hauch der Flageoletts aufscheinenden Kern zu reduzieren. Ein faszinierendes Klangerlebnis, das nahelegt, dass die Unterscheidung zwischen Jung und Alt längst obsolet und Musik vielleicht so etwas wie überzeitlich, um nicht zu sagen ewig, ist.

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