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Publikum lässt SHMF nicht im Stich

Abschlussinterview Publikum lässt SHMF nicht im Stich

In der Lübecker Intendanz des Schleswig-Holstein Musik Festival herrscht große Zufriedenheit über ein erneut überragendes Ergebnis beim Zuspruch des Publikums. Im Interview mit KN-online bewertet Intendant Christian Kuhnt seinen zweiten Festivalsommer.

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War trotz kurzer Krankheit der Besuchermagnet des SHMF: Percussion-Künstler Martin Grubinger.

Quelle: Axel Nickolaus

Lübeck. Die 176 Konzerte an 60 Orten, fünf Musikfeste auf dem Lande und zwei Kindermusikfeste wurden in den vergangenen sieben Wochen von 154000 Musikfans besucht.

Christian Strehk: Ist Understatement die neue SHMF-Linie? Mit 154000 legen Sie doch erneut ein Rekordergebnis vor, vermelden es aber gar nicht als solches...

Christian Kuhnt: Das würde dann ja auch so klingen, als ob es ein Ziel von uns wäre, Rekorde zu jagen. Das Ziel ist aber, ein gutes Programm auf die Beine zu stellen. Im vergangenen Jahr war die Steigerung ja eklatant: von 101000 auf 153000 Besucher. Da konnte man nicht daran vorbei, dass das etwas Besonderes ist. Jetzt handelt es sich um eine Punktlandung – ziemlich genau dort, wo wir 2014 waren. Uns sind beim Rückblick nun andere Dinge wichtiger als ein neuer Rekord mit 1000 Zuhörern mehr.

Was war denn die wichtigste Erkenntnis des zweiten Kuhnt-Sommers?

Es hat sich im zweiten Jahr bewährt, dass wir verschiedene thematische Linien eingebaut haben, die dazu einladen, den ausgetrampelten klassischen Pfad zu verlassen. Wenn wir uns allein anschauen, mit welcher Begeisterung uns das Publikum im Rahmen der Tschaikowsky-Retrospektive folgte: Natürlich waren die Konzerte mit dem Ersten Klavierkonzert ausverkauft – aber eben auch die mit dem Zweiten und Dritten, die man ja nun wirklich nicht sehr häufig hört. Und das gilt im kleinformatigeren Kammermusik-Sektor genauso. Da war zum Beispiel zu erleben, was für ernsthafte Verwalter des russischen Erbes die mehrfach auftretenden Musiker des Borodin Quartetts sind.

Martin Grubinger war dann neben Tschaikowsky wie erwartet der zweite Anziehungspunkt.

Richtig. Aber wir gewähren unseren Schwerpunktkünstlern zugleich größtmögliche Freiheit. Und niemand konnte wirklich sicher damit rechnen, dass wenn wir „The Big Six“ mit Grubinger aufs Programm setzen – Neue Musik also, die jünger ist als 50 Jahre – dennoch über 6000 Menschen dabeisein wollen und dabei wissen, worauf sie sich einlassen. So reichte das Spektrum mit ihm von der Percussionshow in der Kieler Sparkassen-Arena, tatsächlich eine „Show“ eben, bis hin zur intensivsten Auseinandersetzung mit Musik unserer Zeit im Umfeld der Nordart. Das hat sich 2015 wohl nochmal mehr bewährt, weil das Schlagzeug besonders dazu einlädt, sich auf das Neue einzulassen. Ohne Zweifel war Grubingers Festival im Festival besonders herausfordernd. Drei Lkw-Ladungen voller Schlagwerk ist etwas anderes als ein Cello-Koffer, den man auf den Rücken nimmt. Das ging nur, weil alle Mitarbeiter über sich hinausgewachsen sind.

Ausreichend „geluustert“ wurde auch ohne speziell norddeutsche Bezüge, oder?

Darüber bin ich wirklich glücklich. Ich persönlich war zum Beispiel total fasziniert von der Zusammenarbeit zwischen Annett Louisan und unserem Festivalorchester. Wir haben da viel investiert in das Erstellen von neuen und guten Arrangements. Das sind nunmal zwei Welten, die man erst kompatibel machen muss. Louisan ist eine sehr musikalische Sängerin, die in der Lage ist, sich auf das Neue einzulassen – auch wenn damit viel Aufregung verbunden ist, die auch spürbar war.

Sie haben ungewöhnlich viel Pech und Stress mit Absagen von Stars gehabt.

Oh ja, allerdings. Wenn der Sommer schon mit der Absage von drei Konzerten innerhalb des Solisten-Porträts beginnt, dann kommt erstens die große Sorge auf: Kommt Grubinger überhaupt, oder ist er so schwer krank, dass er alle Konzerte absagen muss? Man muss dann aber auch kurzfristig eine Lösung finden. Denn man kann einen Grubinger nun mal nicht „ersetzen“! Wir konnten nur das Beste daraus machen und hoffen, dass unser Publikum akzeptiert, dass wir alle Anstrengungen unternommen haben, ihm dennoch etwas Unvergleichliches zu bieten – nämlich eine Konzertparty mit David Orlowsky, Nils Landgren, Mischa Maisky und Alice Sara Ott. Und da merken wir: In der Not erkennt man seine Freunde. Und das Festival hat in seinem Publikum Freunde, die einen nicht im Stich lassen. Und das war selbst bei einer Absage von Lang Lang der Fall. Das hat mich sehr berührt.

Die 176 Konzerte haben wieder die Präsenz im Land stark betont. Wie war die Resonanz darauf im zweiten Jahr?

Vor einem Jahr hatten wir gar nicht die Möglichkeit, viele neue Spielstätten zu erschließen. 2014 war eher geprägt von einer Rückkehr an Orte, an denen wir lange nicht mehr waren – wie Hasselburg oder Eutin. Oder das Intensivieren von Orten wie Flensburg. Jetzt, 2015, konnten wir auch Neuland beschreiten – auf Fehmarn, mit Warder oder in Flemhude. Da kam ich jeweils in den Genuss einer faszinierenden Pionierstimmung. Was die Zahl der Konzerte und die Zahl der Konzertstätten angeht, sind wir aber an der Kapazitätsgrenze angelangt. Mehr schaffen wir mit unserer Personaldecke nicht. Manchmal waren es ja fünf, sechs Konzerte an einem Abend. Weniger wird’s wohl nicht, weil ich verführbar bin, was neue Spielstätten und Projekte betrifft...

Wie war denn die Resonanz bei den Geldgebern – beim Land und den Sponsoren?

Die Stimmung ist allseits sehr positiv dem SHMF gegenüber, gepaart auch mit einem Verantwortungsbewusstsein. Wir wissen aber, dass wir jedes Jahr neu für uns werben müssen. Das halte ich aber auch für eine Herausforderung, die uns dann das bestmögliche Ergebnis erzielen lässt.

Interview: Christian Strehk

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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Leitartikel

Das Erwartete ist eingetreten. Und dennoch reibt man sich erstaunt die Augen angesichts des neuerlichen Zuspruchsrekords, den das Schleswig-Holstein Musik Festival vermeldet. Christian Kuhnt und sein Lübecker Team lockten mit ihrer unterhaltenden Programmmixtur (erklärtermaßen abseits der angeblich „ausgetretenen klassischen Pfade“) 154000 Menschen in die Kirchen, Ställe, Hallen und Säle des Landes.

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