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Hörenswertes Traumspiel "Parsifal"

Staatsoper Hamburg Hörenswertes Traumspiel "Parsifal"

In einer Spirale zirkulieren Schlüsselwörter, Zahlen, geometrische Körper, Lampen und Ballons, es schleichen maskenhaft überzeichnete Urvolk-Figuren umher, es brechen sich Licht und Klänge. Achim Freyer verwandelt Wagners "Parsifal" an der Staatsoper Hamburg in ein entrückt gaukelndes Traumspiel.

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Die Mezzosopranistin Claudia Mahnke als Kundry und der Bassbariton Vladimir Baykov als Klingsor.

Quelle: Markus Scholz

Hamburg. Zum Raum wird hier die Zeit. Am Ende wird der Regisseur und Ausstatter die Illusion auflösen und beim Stichwort „Hoffnung“ Parsifals kunstreligiöse Sendung als Signal des Unterbewussten entlarven. Die Welt hat noch eine Chance...

Bis dahin gibt der schiefäugige Grals-Jedi-Ritter Gurnemanz, hervorragend prägnant gesungen und deklamiert vom Bayreuther Festspielbass Kwangchul Youn, rätselhafte Fingerzeige auf den im Kern brav nachgebeteten Handlungsgang. Warum Freyers letztlich ästhetisch gestrig wirkende Zeitlupenphantasmagorie unbedingt Robert Wilsons ähnlich zeichenhafte, legendär futuristische Hamburger Parsifal-Transformation ablösen muss, ohne auch nur ansatzweise neue Deutungsansätze zu versuchen, bleibt eine der vielen offenen Fragen des Abends.

Kent Naganos überaus eindrucksvolles Dirigat, das den Philharmonikern und den von Eberhard Friedrich glänzend einstudierten Chören ein betörend weich und flexibel changierendes Klangfarben-Kaleidoskop entlockt, hätte jedenfalls auch zu Wilsons verschlüsselten Bildern bestens gepasst.

Hamburgs Generalmusikdirektor beweist auch in der Sängerbesetzung ein recht glückliches Händchen. Die Entdeckung ist der einzige Rollendebütant: Ensemblemitglied Vladimir Baykov, Bassbariton aus Moskau, lässt als dämonischer Dark-Night-Joker Klingsor einen vorbildlich eindringlichen Wort-Ton-Strom ganz im Sinne Wagners fließen. Wolfgang Koch macht die schuldbeladenen Schmerzenslaute seines christlichen Gegenpols Amfortas mit intimer Legato-Intensität glaubhaft, auch wenn ihm für Ausbrüche ein wenig die Schlagkraft fehlt.

Die dagegen bringt sein Karfreitagserlöser mit: Bayreuths amtierender Parsifal Andreas Schager singt zwar – immerhin passend zum weißen Märchenprinz-Outfit – etwas monochrom hochglänzend, überstrahlt aber so auch mühelos jedes Orchestertutti. Die expressive, ja expressionistische Kundry von Claudia Mahnke, von Ausstatter Freyer mit Haarschlangen als Medusa-Figur behängt, flackert zwischen schönen und hässlich überrissenen Mezzotönen.

Ist das alles sehenswert? Vielleicht. Hörenswert? Auf jeden Fall. Das Premierenpublikum reagiert jedenfalls (fast) uneingeschränkt enthusiastisch.

www.staatsoper-hamburg.de

Von Christian Strehk

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