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Muschgs Waisen und Wünschelrutengänger

Literatursommer SH Muschgs Waisen und Wünschelrutengänger

Adolf Muschg las zum Auftakt des Literatursommers Schweiz im Literaturhaus. Muschg hat eine originelle poetische Sprache, die enorm frisch klingt. Und er hat diesen fein ironischen, niemals diskreditierenden Ton.

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Erzähler mit Witz und Poesie: Adolf Muschg gab im Literaturhaus Einblick in Schweizer Besonderheiten und sein Schreiben.

Quelle: ehr - Marco Ehrhardt

Kiel. Kiel. Erlebt hat es fast jeder schon mal, den abrupten Halt des Zugs auf freier Strecke, die dürre Durchsage „Personenunfall“, in der die Tragik notdürftig kaschiert wird, das Ausharren bis zur Weiterfahrt. Adolf Muschg macht diese Situation zum Ausgangspunkt seines Romans Die japanische Tasche (C. H. Beck) und einer wild zwischen Zeiten und Figuren mäandrierenden Geschichte von Verlust und Verschwinden, von der Liebe und der Sehnsucht nach Vollständigkeit.

 „Ein Labyrinth, für das der rote Faden nicht mitgeliefert wird“, nennt Adolf Muschg sein Buch – und das bringt nicht nur die Geschichte auf den Punkt, sondern auch den wachen Geist, der da mit weißem Haarkranz und verschmitzt lächelnd im bis auf den letzten Platz gefüllten Literaturhaus auf dem Podium sitzt. Ganz offensichtlich mit großer Lust, sein Publikum zu verwickeln, zu unterhalten und anzustoßen. Und einen aufgeräumteren Gast als den Schweizer Büchner-Preisträger (1994), Bundesverdienstkreuz-Träger und ehemaligen Präsidenten der Akademie der Künste in Berlin hätten sich die Organisatoren Sara Dusanic und Literaturhausleiter Wolfgang Sandfuchs zum Auftakt des Literatursommers mit Schwerpunkt Schweiz kaum wünschen können.

 Erstmal sitzen bei ihm im Zug des Romans die Lebenden, denen der Tod in die Parade fährt. Beat Schneider, der Literaturwissenschaftler, der so etwas ist wie die Hauptfigur und auf dem Weg zur Vorlesung in Münsterburg. Iris Duß vom Historikerverband, die auch einen dringenden Termin hat. Und noch ein paar andere, die Muschg hier zur unfreiwilligen Gemeinschaft versammelt. Kurz gerät ihr Leben ins Stocken – und wie der Autor das Alltagsdrama im Zugabteil akribisch beobachtet und auf der Kehrseite von Tod und Tragik entfaltet, das ist kuriose Realsatire. Da erkennt man ihn schon, den herrlich menschlichen Irrgarten, durch den Muschg seine Figuren und Leser treibt.

 Da geht es um Waisen wie Schneider, der als Findling aufwuchs, um seine Ehefrau LouAnn, die anders ist als die anderen, aber fantastische Zeichnungen fertigen kann. Es geht um Identitätssuche und eine Art „Hirten-Schweiz“, über die der Held in seiner Vorlesung sinniert.

 Beim Lesen macht Adolf Muschg, der in Kiel schon bei Eckart Cordes‘ Autorenabenden Gast war, seine Figuren so lebendig, als stünden sie auf einer Bühne. Und er plaudert so kurzweilig, dass man kaum merkt, wie klug das außerdem ist. „Man hat einen Stoff im Kopf“, sagt der Schriftsteller (Jahrgang 1934) im Gespräch mit Sara Dusanic, die den Abend kundig moderiert, „von dem man wie ein Wünschelrutengänger vermutet, dass etwas unter der Oberfläche liegt. Was das ist, das entdeckt man dann später beim Schreiben.“ Ohnehin durchlebe er zunehmend die Erfahrung, dass man erst durch Schreiben erfahre, worüber man überhaupt schreiben wolle.

 Muschg hat eine originelle poetische Sprache, die enorm frisch klingt. Und er hat diesen fein ironischen, niemals diskreditierenden Ton. Auch nicht, wenn er die Verschulung des Studiums im Sinne des Zweckdienlichen bedauert. Ansonsten zitiert er Lessing, Kleist und Casanova, der in der Schweiz ein gutes Land für Liebhaber entdeckte. Überhaupt hat er ein paar Schweizer Klischees aufzulösen. Was Europa von der Schweiz lernen könne, will Sara Dusanic wissen. Den Reichtum von Sprachen, Haltungen und Konfessionen – und wie man die Spannungsverhältnisse aushält und lebt, sagt Muschg. Und: „Ich bin als Schweizer Europäer par excellence!“ Auch so lassen sich Einblicke eröffnen in ein Land, das unbekannter ist, als es zunächst scheinen mag.

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Ein Artikel von
Ruth Bender
Kulturredaktion

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