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Amor hat bei Steffani viel zu tun

Staatsoper Berlin Amor hat bei Steffani viel zu tun

Agostino Steffani war bis vor Kurzem nur Barock-Spezialisten bekannt. Als dann aber Celilia Bartoli ihr Album „Mission“ mit 25 Arien aus zwölf seiner Opern herausbrachte und die Barock-besessene Krimi-Autorin Donna Leon 2012 den Roman „Himmlische Juwelen“ über diesen außergewöhnlichen Komponisten schrieb, wurde er auch breiteren Kreisen bekannt. Die Neugier auf sein Werk war geweckt, und so konnte die Staatsoper Berlin eine Neuproduktion wagen.

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Reife Leistung

Olivia Vermeulen als Turno und Robin Johannsen als Giuturna in der Staatsoper im Schiller Theater Berlin

Quelle: thomas m. jauk

Berlin.  Wer wäre da als musikalischer Leiter besser geeignet, als der in Sachen Barockmusik versierte und international renommierte René Jacobs? Er war im übrigen bereits in den 1970er Jahren mit Steffanis Kammerduetten – damals freilich noch als Countertenor – auf Tournee gegangen. Die an der Staatsoper von Ingo Kerkhof inszenierte Oper „Amor vien dal destino“, was in etwa heißt „Die Liebe kommt vom Schicksal“ oder, freier übersetzt, „Die Liebe fällt vom Himmel“, ist eine echte Ausgrabung, denn dieses auf Vergils „Aeneis“ basierende, im Auftrag des Hannoverschen Kurfürsten geschriebene Werk ist zuletzt 1709 in Düsseldorf aufgeführt worden. Kerkhofs Inszenierung ist derart einfallsreich und oft auch witzig, dass die knapp zweihundert Minuten Musik wie im Fluge vergehen. Er lässt Amor in der Gestalt eines etwas tölpelhaften Gärtners auftreten, der bei seiner Arbeit in hochgewachsenem Ährenfeld (Bühnenbild Dirk Becker) alles erfährt, was die normal Sterblichen so miteinander treiben: Lavinia, die Tochter des Königs Latino, liebt nicht den Mann, den sie heiraten soll, und ihre Schwester Giuturna liebt einen Mann, den sie nicht nennen darf, denn das ist der für Lavinia vorgesehene Turno. Und damit alles wieder ins rechte Lot kommt, hat Amor drei Stunden lang zu tun.

 Was gibt es in dieser Oper nicht alles zu entdecken: Eine faszinierende kompositorische Kunstfertigkeit, eine oft zu Herzen gehende Expressivität, ein Übermaß an herrlich melodischen Arien, tänzerische Leichtigkeit, charmanten Humor und derben Witz. In puncto Derbheit konnte Mark Milhofer als Amme Nicea das Publikum mit allerlei Gags amüsieren – besonders köstlich war sein deftiges Techtelmechtel mit Corebo (Gyula Orendt, Bariton), das in einer halb stürmischen, halb komischen Sexszene gipfelte. Die Damenriege wurde von der Mezzosopranistin Katarina Bradić als Lavinia und der Sopranistin Robin Johannsen als Giuturna angeführt. Die meisten ihrer Arien wurden von obligaten Instrumenten begleitet, die von den Musikern der Akademie für Alte Musik Berlin überaus klangschön und seelenvoll gespielt wurden. Mit ähnlich beeindruckenden Arien konnten der Tenor Jeremy Ovenden als Enea und die Mezzosopranistin Olivia Vermeulen als Turno brillieren. Für den König Latino hat Steffani eine hinreißende Traumszene komponiert, die von dem Bassbariton Marcos Fink meisterlich interpretiert wurde.

 René Jacobs hat sein Orchester liebevoll und mit untrüglichem Stilgefühl durch eine Partitur geführt, die ihm sichtlich und hörbar am Herzen liegt. Ihren erstaunlichen Nuancenreichtum und ihre weitgeschwungenen Melodiebögen hat er mit sicherem Gespür für Wahrhaftigkeit genutzt, um aus diesem barocken Liebeswirrwarr eine anrührende Geschichte mit Menschen aus Fleisch und Blut zu machen. Dafür hat sich das Premierenpublikum mit lang andauerndem, frenetischen Applaus bedankt.

  www.staatsoper-berlin.de

Weitere Aufführungen am 27. und 30. April sowie am 4. und 7. Mai

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