20 ° / 16 ° Regen

Navigation:
„Ich bin immer noch hier“

Al Jarreau „Ich bin immer noch hier“

„Fümpf!“ Und noch mal, mit einem leicht fragenden Finale: „Fümpf!?“ Al Jarreau, diesem begnadeten, passionierten Lautmaler, scheint das Wort zu gefallen. Fünf. Ein paar Mal zählt der Sänger auf Deutsch bis fünf, und so einige im vollbesetzten Kieler Schloss ahnen wohl, was jetzt kommt.

Voriger Artikel
Isländer singt Titelrolle in "Phantom"-Fortsetzung
Nächster Artikel
Das Scholl-Experiment

Auch wenn die Stimme nicht mehr die alte Strahlkraft hat: Al Jarreau bleibt ein begnadeter Lautmaler.

Quelle: M

Kiel. Take Five, der Klassiker von Paul Desmond, der in der Version von Al Jarreau ähnlich bekannt sein dürfte wie die Interpretation des Pianisten Dave Brubeck. Applaus brandet auf, als die Band in Jarreaus charakteristischen Scat einsteigt.

 Ganz so ausgedehnt, so zungenfertig, so frappierend perkussiv wie in der berühmten Performance auf dem Live-Album von 1977 kriegt der 75-Jährige das heute leider nicht mehr hin. Ein Vergleich ist unfair und verbietet sich, aber im Ohr, da hat man die alte Version halt doch. Jarreau sitzt die meiste Zeit auf einem Barhocker. Aber dass er dort überhaupt noch sitzt nach seinen zwei lebensbedrohlichen Erkrankungen 2010 und 2012, trotz seiner Gebrechlichkeit stimmlich so vital und stets aufgelegt zu schalkigem Humor, ist ein mittelschweres Wunder. „Ich bin immer noch hier und singe mir das Herz aus dem Leib“, sagt der siebenmalige Grammy-Gewinner mitten im Konzert. Allerhöchsten Repekt. So ist das, wenn man Musik liebt.

 Auffällig viele Songs des Abends stammen aus den 80er Jahren, besonders viele von seinem Album Jarreau (1983). Nach dem Einstieg mit seiner grandiosen Version von Elton Johns Your Song vom Album Glow (1976) folgen Schlag auf Schlag die beiden Fußwipper Mornin’ und Black And Blues, danach das Liebeslied I Will Be Here For You. Da soll das Publikum mal ein bisschen Suaheli lernen und den Subtitel „Nitakungodea Milele“ mitsingen. Das klappt sehr schön. Findet auch der Sänger und lobt den Spontan-Chor. Allmählich ist Jarreau endlich deutlicher zu vernehmen, die Tontechnik hat nachjustiert.

 Streckenweise erleben wir hier ein Storyteller-Konzert. 1965 seien eine Menge wichtige Dinge in seinem Leben passiert, erzählt Jarreau. Da habe er den Sänger, Keyboarder, Komponisten George Duke getroffen, der vor zwei Jahren starb und dem Jarreau sein jüngstes Album My Old Friend: Celebrating George Duke mit illustren Gästen gewidmet hat. Und er habe Brazil kennen gelernt, und wie warm und weich Jarreau dieses „Brazil“ sagt, signalisiert, dass er von einer großen Liebe zur Bossa Nova spricht. Der er schon im nächsten Song namens Easy huldigt, aus der Kehle Congas imitiert und dazu in die Luft trommelt.

 Stimmlich ein Prüfstein ist The First Time I Ever Saw Your Face, bekannt vor allem in der Fassung der Soul-Sängerin Roberta Flack. Eine reduzierte Ballade, für die Jarreau aufsteht, wohl für mehr gesangliche Stabilität. Ja, Jarreaus Strahlkraft hat gelitten, aber dieser farbliche Reichtum ist noch immer faszinierend. Und diese interpretatorische Tiefe, dieses Einfühlungsvermögen ist unverwüstlich. Ein Höhepunkt des Abends. Teen Town von Weather Report leitet dann den Hit Boogie Down ein, Füße wippen, Hände klatschen im Takt des ansteckenden Jazz-Pop-Songs.

 Eine Kostprobe von Jarreaus speziellem Humor erlebt ein Mädchen, dass sich gegen Ende des regulären Sets schnell ein Autogramm holen will, als der Sänger schon allein auf der Bühne sitzt und seine formidable Band kurz Pause macht. Plötzlich stimmt Jarreau Harry Belafontes Banana Boat Song an, das Publikum begleitet ihn beim „Day-O“-Refrain, das Mädchen soll auch mitsingen und steht dann da neben dem Sänger. Und steht. Und steht. Und wippt ein wenig im Takt, tapfer. Und steht. Und singt wieder mit, als Al Jarreau ihr das Mikro hinhält: „... and I wanna go home ...“. Ja, das glaube er ihr, dass sie heimgehen wollte, sagt der Sänger, zwinkert freundlich und lässt sie ziehen.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Testen Sie die KN

Digitales Abo, ePaper,
klassische Tageszeitung
online buchen & testen!

Sagen Sie es uns!

Vorschläge oder Kritik?
Schreiben Sie
der Redaktion!

Anzeige
ANZEIGE
Mehr aus Nachrichten: Kultur 2/3