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Langsamer Abschied von der Welt

Herbst im Literaturhaus Langsamer Abschied von der Welt

Obwohl "Traumschiff" seit dem vergangenen August lieferbar ist (Mare Verlag, 320 S., € 22), wurde der vieldiskutierte Herbst-Roman erst vor wenigen Tagen zum „Buch der Woche“ des MDR gekürt. Entsprechend neugierig durfte man auf die Lesung im Kieler Literaturhaus sein.

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Alban Nikolai Herbst stellte seinen nach wie vor vieldiskutierten Roman „Traumschiff“ im Literaturhaus Schleswig-Holstein vor.

Quelle: ehr - Marco Ehrhardt

Kiel. Kiel. Manche Dinge brauchen, bis sie bei den Kritikern ankommen. Obwohl Traumschiff seit dem vergangenen August lieferbar ist (Mare Verlag, 320 S., € 22), erscheinen weiterhin Rezensionen des Romans, der erst vor wenigen Tagen zum „Buch der Woche“ des MDR gekürt wurde – einigermaßen überraschend für einen Text, der von der Transitzone zwischen Leben und Tod handelt. Entsprechend neugierig durfte man auf die Lesung im Kieler Literaturhaus sein, in deren Anschluss sich der Autor gewohnt eloquent den Fragen seines Publikums stellte.

 Gregor Lanmeister ist unterwegs auf einer Fahrt, von der er weiß, dass sie ihn an das Ende seiner Existenz führen wird. Der wenig sympathische Unternehmer befindet sich an Bord eines Schiffs, das eigenen Gesetzen zu gehorchen scheint. Neben den normalen Passagieren gibt es dort noch eine Gruppe von 144 Reisenden, die wie Lanmeister „das Bewusstsein“ haben – nämlich das sichere Wissen darum, todgeweiht zu sein. Dies beunruhigt aber niemanden von ihnen, weshalb Lanmeisters Tonfall überaus gelassen ist. Doch während die Tage für die Figuren mit Begegnungen, Erinnerungen und Reflexionen verstreichen, kommen dem Leser Zweifel an der Integrität des Erzählers. Ist er wirklich auf einem Schiff – oder vielleicht doch an einem völlig anderen Ort?

 Herbst (Jahrgang 1955) gilt als einer der renommiertesten, aber zugleich auch umstrittensten deutschen Gegenwartsautoren. 2011 war er im Rahmen eines Auftrags zwei Wochen auf der MS Astor, was angesichts der leicht somnambulen Atmosphäre des Kreuzfahrers einen zentralen Gedanken provozierte: „Was ist eigentlich, wenn alle hier an Bord in den Tod fahren?“ Drei Jahre später kehrte er auf das Schiff zurück, um weitere Eindrücke zu sammeln und schrieb den Roman dann in wenigen Wochen nieder. Dabei war ihm die erhöhte „Kitschgefahr“ bewusst, weshalb seine Hauptfigur negativ gezeichnet werden musste, um das Thema der „persönlichen Schuld“ einzufangen.

 Grundsätzlich aber brauchte er für die Niederschrift „eine gewisse Form von Liebe“, da die Begegnungen an Bord sehr wichtig für ihn gewesen sind: „Unter jedem Menschen öffnet sich nach kurzer Zeit eine Falltür, hinter der die wahren Geschichten stecken.“

 Realistisch wäre das Buch aber nicht, sondern letztlich der Phantastik zuzurechnen: „Was ist Realität? Schopenhauer sagte: ‚Wirklichkeit ist das, was wirkt.‘“ Die Fiktion besitzt für Herbst eine ungeheure „Realitätskraft“, um die Gegenwart zu gestalten, und dies gehört zu den Dingen, die Lanmeister begreift, während er langsam Abschied von der Welt nimmt. Dass die Kritik Elemente des Buchs anders interpretiert, als der Autor dies beabsichtigt hat, nimmt er mit großer Sympathie zur Kenntnis: „Wenn man etwas in einen Text schlüssig hineingeben kann, hat der Text eine viel größere Intensität, als wenn bloß die Verfasserintention rekonstruiert werden soll.“ Genau das macht den Dialog zwischen Werk und Publikum für ihn so spannend – und das Traumschiff für Leser so interessant. (Kai U. Jürgens)

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