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Tongebirge aus Glas, Glocken aus Metall

Alexander Krichel Tongebirge aus Glas, Glocken aus Metall

Hört man ihn von den Werken schwärmen, seine Träume und Assoziationen (durchaus anschaulich und hilfreich) dem Publikum ausmalen – man könnte Schlimmes erwarten, einen subjektiv extrem verzerrten Psychotrip beispielsweise.

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Die Kunst des Sichselberzuhörens: Alexander Krichel im Kieler Schloss.

Quelle: Axel Nickolaus

Kiel. Aber der sympathische junge Mann aus Hamburg legt das Mikrofon weg und wandelt sich am Steinway zum geradezu asketisch seriösen und technisch völlig über der Sache stehenden Vermittler der Noten und Werkbotschaften.

 Alexander Krichel spielt das gewählte, vermeintlich so schwiemelige russische Repertoire mit wohltuend gläserner Klarheit. Das Pedal wird genutzt, um punktuell Klangräume zu öffnen, nie, um irgendwas zu kaschieren. Modest Mussorgskys Bilder einer Ausstellung kann man wohl selten so präzise als kraftvoll linierte, modern gedachte Skizzen hören, wo Küken wirklich kichern, Bettler berührend flehen, Hexen das Fürchten lehren und Glockenschläge tatsächlich aus purem Metall sind.

 Die motorischen Fähigkeiten Krichels sind frappierend und bringen Licht ins Dunkel bei Rachmaninow. Wie auf seiner brandneuen Sony-CD erschließt er in den Moments musicaux op.16 einen reich glitzernden Kosmos. Fast doppelt so schnell wie unter Ivo Pogorelichs Händen, die tausend Verzögerungen einbauen, obwohl sie gar nicht dastehen, fließt schon das b-Moll-Andantino voran. Und in den wahnwitzig rauschenden Teilen Zwei, Vier und Sechs ist man sich sicher, tatsächlich jeden der tausend Töne gehört zu haben. Dazwischen lässt Krichel Melodien ohne jede Larmoyanz blühen. Dafür sind im mäßig besuchten Kieler Schloss die vielen Bravo-Rufe wahrlich nicht fehl am Platze.

 Die Zugaben, eine Hollywood-taugliche Wiegenlied-Schmonzette aus eigener Feder und rasant Folkloristisches aus Venezuela, bringen dann den Mann mit Mikro und das Klavier doch noch in Einklang. Aber sogar dieser leicht schwülstige Ego-Trip hat was.

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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